2003-07-24
Übersetzung des Wortes „obczajka“ entscheidet über Verurteilung. Drei Übersetzer liefern unterschiedliche Varianten
Vor dem Landgericht Cottbus läuft zurzeit der Prozess gegen den aus Weißwasser stammenden Torsten K. (37). Ihm werden 48 verschiedene Straftaten zur Last gelegt, unter anderem Verstoß gegen das Ausländergesetz, Einfuhr und Handel mit Betäubungsmitteln und zwei Raubüberfälle in der Schweiz.
    Im Mittelpunkt des 45. Verhandlungstages stand ein Tatkomplex, bei dem offenbar die Übersetzung des Wortes „obczajka“ darüber entscheidet, ob der Angeklagte in diesem Punkt schuldig gesprochen werden kann. Der Ausdruck wird im polnischen Ganovenmilieu verwendet und ist nicht allen Übersetzern geläufig. Die Sächsische Zeitung schildert das Übersetzungsproblem wie folgt:
Schwerpunkt des Verhandlungstages am Montag war der Zeugenauftritt eines Polizeibeamten des Landeskriminalamtes Brandenburg. Der 57-jährige gebürtige Pole sollte als sachverständiger Zeuge den bei den [...] Telefonüberwachungen (TÜ) umstrittenen Begriff „Obtschaika“ übersetzen. 
    Von der inzwischen beurlaubten polnischen Dolmetscherin Beata Kielar-P. war das Wort mit „Aufklärer“ oder „Aufpasser“ übersetzt worden. Auf den Angeklagten Torsten K. bezogen, würde eine solche Übersetzung im Zusammenhang mit den Tatvorwürfen belastend sein, räumte die Verteidigung ein. 
    Der danach eingesetzte polnische Dolmetscher Rychard Kubala kannte diesen Begriff nicht. Er verstand bei dem in polnischer Sprache geführten Telefonat den Namen „Tscharek“. Mit dieser Übersetzungsvariante könnten keine Rückschlüsse auf den Angeklagten gezogen werden. 
    Der sachverständige Zeuge vom LKA Brandenburg übersetzte dem Gericht das eigentlich im polnischen Sprachgebrauch nicht übliche Wort „obczajka“, was so viel wie „lauern“ oder „belauern“ heißt. Bei der polnischen Polizei ist der aus dem Täter-Milieu stammende Begriff synonym für eine Straftat, die begangen werden soll.
    Auch von dem Zeugen Tino L. aus Döbern wurde dieser Begriff verwendet. Er sagte damals im Prozess gegen Torsten K., dass „Obtschaika“ als Bezeichnung für „Aufpasser“ benutzt wurde, der den Grenzübertritt von Ausländern auf polnischer Seite absichern sollte. 
    Mit dem LKA-Zeugen konnte zwar der im polnischen Täter-Jargon entwickelte Begriff bestimmt werden. Damit ist aus Sicht der Verteidigung noch nichts bewiesen. „Jetzt muss in dem fragwürdigen Telefonat erst nochmals zweifelsfrei das Wort nachgewiesen werden“, erklärte Rechtsanwalt Dr. Ralph E. Mayer.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Sächsische Zeitung, 2003-07-24. Bild: Archiv.]