2003-09-24
Zweiter Hamburger Prozess zum 11. September: Dolmetscher entlassen. Zeitung bezichtigt ihn eines „doppelten Spiels“
Vor dem 3. Strafsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts in Hamburg läuft zurzeit der zweite Prozess zu den Anschlägen vom 11. September. Angeklagt ist Abdelghani Mzoudi (30), der sich im Umfeld der Hamburger Terrorzelle um Mohammed Atta bewegt hat. Dem früheren Elektrotechnik-Studenten der TH Hamburg-Harburg werden Beihilfe zum Mord in mindestens 3.066 Fällen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen.
    Völlig überraschend wurde nach zehn Verhandlungstagen der vom Gericht bestellte Dolmetscher entlassen. Der Grund: Er hatte sich nach der Verhandlung beim Verlassen des Gerichts mit einem Mann unterhalten, der den Prozess als Zuschauer verfolgt. Dieser Mann ist ein früherer Mitbewohner und Freund des Angeklagten.
    Eine Mitarbeiterin des Landeskriminalamts (LKA) hatte das Gespräch zwischen Dolmetscher und Zuschauer zufällig beobachtet und dem vorsitzenden Richter Dr. Klaus Rühle davon berichtet.
    Rühle greift umgehend zum Telefon und bittet den Dolmetscher um Aufklärung. Dieser erklärt freimütig, den Zuschauer über dessen Bruder zu kennen, mit dem er zusammen studiert hat. In dem von der LKA-Mitarbeiterin beobachteten Gespräch sei es um zuvor vernommene Zeugen gegangen, insbesondere um einen, der vor seiner Aussage Angst gehabt habe.
    Nach Einschätzung des Richters ist der Dolmetscher durch die Bekanntschaft mit einem der Islamistenszene zuzurechnenden Mann zu einem Sicherheitsrisiko geworden. Er entlässt ihn. Auch das LKA beschließt, den Sprachmittler ab sofort nicht mehr bei Staatsschutzverfahren einzusetzen.
    Die Verteidiger des Angeklagten, Gül Pinar (35, Hamburg) und Michael Rosenthal (50, Karlsruhe) verstehen die Entlassung des Dolmetschers nicht. Gespräche zwischen Zuschauern und Gerichtsgehilfen seien völlig normal. „Da eine Pflichtverletzung nicht zu erkennen ist, erscheint die Ablösung des Dolmetschers als willkürlich“, so Anwältin Pinar. „Wir bezweifeln, ob ein Dolmetscher nicht-arabischer Herkunft so behandelt worden wäre. Hätte ein deutscher Polizeibeamter aus dem Verfahren Kontakt mit dem Zuschauer aufgenommen, würde sich niemand daran stören.“ Das Verhalten des Richters sei „vorurteilsgeladen“. Die Verteidigung stellte gegen Rühle daher einen Befangenheitsantrag, der inzwischen vom Gericht zurückgewiesen wurde.
    Unmittelbare Folge der Dolmetscherauswechslung: Teile der Beweisaufnahme müssen wiederholt und viele der bislang 26 Zeugen erneut angehört werden.
    Bereits vor Prozessbeginn hatte es Wirbel um die Besetzung des lukrativen Dolmetscherpostens gegeben. So empfahl sich im Vorfeld ein anderer Dolmetscher mit zwei Schreiben an den vorsitzenden Richter nachdrücklich für den Job. Er hatte bereits im ersten Hamburger Verfahren wegen der Anschläge vom 11. September gedolmetscht.
    Schon „zur Vermeidung von eventuellen Revisionsgründen“ sehe er es als seine Pflicht an, darauf hinzuweisen, dass der besondere Dialekt des marokkanischen Angeklagten einen Dolmetscher maghrebinischer Herkunft erfordere, eben einen wie ihn, so der Bewerber. Dennoch hatte sich das Gericht dann für einen anderen entschieden.
    In ersten Zeitungsberichten zur Entlassung des Dolmetschers wurde dessen Name nicht erwähnt. Inzwischen hat die Presse aber jegliche Zurückhaltung abgelegt und zeigt mit dem Finger auf unseren Kollegen. Der Höhepunkt war ein ganzseitiger Artikel (40 x 57 cm) mit Namensnennung und Foto in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS). Die Überschrift: „Das doppelte Spiel des Dolmetschers“. Einen Tag später war dieser Verdacht für die Tageszeitung Die Welt bereits zur Gewissheit geworden. Unter Berufung auf die FAS schreibt das Blatt, der Dolmetscher unterhalte „offenbar enge Kontakte zum Umfeld der Hamburger Al-Quaida-Zelle“.

Unser Kommentar
Das Gericht versucht, in diesem heiklen Verfahren jeden noch so geringen Berufungs- oder Revisionsgrund auszuschließen. Daher ist nachvollziehbar, dass es den Dolmetscher kurzerhand entlassen hat.
    Aus berufsethischer Sicht ist dessen Gespräch mit einem flüchtigen Bekannten allerdings nicht zu beanstanden. Was kann der Dolmetscher dafür, dass sich der Bruder eines Studienkollegen in Islamistenkreisen herumtreibt? Daraus ein „doppeltes Spiel“ zu konstruieren, wie es die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) tut, grenzt an Rufmord.
    Inzwischen sind diese fahrlässig in die Welt gesetzten Gerüchte zum Selbstläufer geworden. Einen Tag später schrieb die Welt unter Berufung auf die FAS, der Dolmetscher unterhalte „offenbar enge Kontakte zum Umfeld der Hamburger Al-Quaida-Zelle“.
    So einfach ist es, die berufliche Existenz eines unbescholtenen Bürgers und hoch qualifizierten Spezialisten zu gefährden, wenn nicht gar zu vernichten.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Frankfurter Rundschau, 2003-09-17; taz, 2003-09-18; Yahoo News, 2003-09-17; Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 2003-09-21; Spiegel, 2003-09-19; FAZ, 2003-08-14; Netzeitung, 2003-09-20; Rheinpfalz, 2003-09-20; Welt, 2003-09-22. Bild: Richard Schneider.] www.uebersetzerportal.de