2003-10-11
„Dann bin ich nach Hause gegangen und habe übersetzt.“ Swetlana Geier über den Beginn ihrer Karriere
Gastland der Frankfurter Buchmesse ist Russland. Damit dürfte die Grande Dame der Russisch-Übersetzer, Swetlana Geier (80), dieses Jahr ganz in ihrem Element sein. Gerade hat sie das vierte Werk von Dostojewskij neu übersetzt; nach Verbrechen und Strafe, Der Idiot und Böse Geister nun Die Brüder Karamasow. Wie sie zum Übersetzen kam, schildert sie in einem Zeitungsinterview:
Ich hatte zwei Kinder, meine Mutter wohnte bei uns. Ich studierte immer noch, und meine Mutter hat gesagt, sie verlangt nachts und morgens und vormittags und abends nichts, aber nachmittags brauche sie zwei Stunden Ruhe. Meine Kinder mussten mittags schlafen, und dann bin ich anschließend mit ihnen in den Wald gegangen. Wir wohnten in Güntherstal am Wald, da wurde geholzt und da gab es so wunderbare Baumstämme. Da saßen wir direkt hinter dem Haus, sie spielten da. Und dann habe ich einmal einen Text aus dem russischen Manierismus mitgenommen. Die Kinder spielten – und ich habe das übersetzt. Als es fertig war, habe ich das Bedürfnis gehabt, es muss abgeschrieben werden. Wir hatten keine Schreibmaschine, und dann habe ich den Publizisten Hans Daiber, den ich noch vom Studium sehr gut kannte, gefragt, ob er mir seine Schreibmaschine leihen kann. Der hat gesagt: „Ich schreibe es Ihnen ab, wenn ich eine Kopie behalten darf.“ Eines Tages bekam ich von Herrn Daiber eine Postkarte, die habe ich aufgehoben – wir hatten kein Telefon: „Ich muss Sie dringend sprechen. Donnerstag, auf Bahnsteig 1 unter der Uhr.“ Ich bin natürlich hingegangen, und dann hat er gesagt: „Ihr Manuskript ist in München.“ Er kannte Ernesto Grassi, von dem gerade die Reihe „Rowohlts Klassiker“ gegründet wurde. Ich sollte noch etwas übersetzen. Dann bin ich nach Hause gegangen und habe übersetzt.
Das vollständige Interview, in dem es hauptsächlich um Dostojewskij geht, können Sie in der Welt lesen. Siehe auch „Übersetzen macht Weltliteratur erst möglich.“ – Swetlana Geier wird 80 (2003-04-28).
[Text: Richard Schneider. Quelle: Die Welt, 2003-10-11. Bild: Ammann Verlag.]

Swetlana Geier