2003-10-12
Mehr als ein Leben: Nürnberg-Dolmetscher Richard W. Sonnenfeldt stellt seine Autobiografie vor
Auch der Amerikaner Richard W. Sonnenfeldt (80), in seiner Jugend Chefdolmetscher bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, war auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse zugegen. Er stellte seine Autobiografie Mehr als ein Leben vor. 
    Dass er sich dazu aufraffte, haben wir seiner Enkelin zu verdanken, die in der Schule einen Aufsatz über Einwanderer schreiben musste und dazu ihren Opa befragte. Verwandte und Freunde lasen den Aufsatz und rieten Sonnenfeldt, seine Geschichte aufzuschreiben. Er selbst hatte dazu ursprünglich keine große Lust.
    Seit 1958 war Sonnenfeldt jedes Jahr zu Besuch in Deutschland. Seinen früheren Landsleuten gegenüber hat er nie so etwas wie Hass empfunden. „Schuld kann nicht vererbt werden“, sagt er. „Ich hasse den Hass.“ Auch die Nazi-Größen, die er in Nürnberg dolmetschte, hat er nicht gehasst, sondern „eher verachtet“. Und außerdem: „Nicht jeder Verbrecher ist von vorneherein unsympathisch.“ Ein besonderes Verhältnis entwickelte sich zum gewitzten Lebemann Hermann Göring, der stets darauf bestand, von Sonnenfeldt gedolmetscht zu werden.
    Das Buch hat 288 Seiten, wobei die Zeit als Dolmetscher auf 44 Seiten abgehandelt wird. Die übrigen Kapitel beschreiben Sonnenfeldts Kindheit, die Internatszeit in England, die Internierung in Australien, das Eintreffen in Amerika, die Zeit in der US Army, das Studium an der Johns-Hopkins-Universität und die Nachkriegs-Bilderbuchkarriere in diversen Großunternehmen.
    Das Buch ist keine larmoyante oder vorwurfsvolle Betroffenheitslektüre, sondern die spannende und kurzweilige Beschreibung eines Lebensweges, der genügend Stoff für drei Kinofilme böte. 
    Dass Sonnenfeldt aus allen brenzligen Situationen stets mit heiler Haut davonkam, hat er vielen Zufällen, aber auch einem von Kindheit an ungebrochenen Selbstbewusstsein zu verdanken, das gelegentlich schon an Arroganz grenzt. Man gewöhnt sich im Verlauf der Lektüre jedenfalls schnell daran, dass Sonnenfeldt in allem, was er tat, der Beste, der Schlaueste, der Schnellste, der Gewitzteste war. Aber diese manchmal wie Angeberei wirkenden Passagen verzeiht man ihm, da er neben einem großen Ego auch eine gehörige Portion Humor und Selbstironie besitzt. 
    Ausführliche Informationen zum Lebensweg Sonnenfeldts finden Sie im Übersetzerportal-Artikel Fernsehtipp: Richard Sonnenfeldt bei Boulevard Bio (2002-09-07).
 
Richard W. Sonnenfeldt (2003): Mehr als ein Leben. Vom jüdischen Flüchtlingsjungen zum Chefdolmetscher der Anklage bei den Nürnberger Prozessen. Frankfurt: Scherz. 288 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 3-502-18680-4.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Stern, 2003-10-10; Rhein-Main-Net. Bild: FAZ, Scherz.]
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Richard Sonnenfeldt auf der Frankfurter Buchmesse