2003-10-15
Estonia-Untergang: Untersuchungskommission manipuliert Protokolle und schiebt Schuld auf Übersetzer
Im September 1994 ging die zwischen Tallinn und Stockholm verkehrenden Ostseefähre „Estonia“ nachts auf hoher See unter. 852 Menschen ertranken, nur 145 wurden gerettet. 
    Die offizielle Untersuchungskommission hat offensichtlich mehr vertuscht als aufgeklärt und dabei auch nach bewährter Manier die Schuld auf die Übersetzer geschoben. Die Journalistin Jutta Rabe, die für mehrere TV-Beiträge und ein Buch die Protokolle der Zeugenvernehmungen studierte, erzählt:
Also manchmal stand dann da, wo es zu wichtigen Aussagen kam, nur noch Punkt, Punkt, Punkt. Und als wir nachgefragt haben, wurde uns gesagt: „Ja, da konnte irgendein Übersetzer was nicht verstehen, der das abgetippt hatte.“ Das zog sich bei allen wichtigen Zeugen, die an neuralgischen Punkten auf dem Schiff gewesen waren, systematisch durch die Polizeiprotokolle. Immer dann, wenn es um die Knalle, die Erschütterung und das Wasser auf dem Deck unterhalb des Autodecks ging, das schon da war, bevor die Schlagseite einsetzte, immer dann hat offensichtlich den Übersetzer eine Amnesie befallen.
Die Kommission kam nach dreijähriger Ermittlungsarbeit 1997 zu dem Ergebnis, dass sich die Bugklappe wegen einer defekten Verriegelung während der Fahrt öffnete, das Schiff vollief und dadurch sank.
    An dieser Version kamen im Lauf der Zeit jedoch erhebliche Zweifel auf. Unabhängige Nachforschungen der Medien und der deutschen Werft, die die Estonia gebaut hat, förderten Indizien zutage, die eher auf eine Explosion an Bord hindeuten.
    Morgen kommt die Geschichte als packender Polit-Thriller in die Kinos. Der Film schildert die möglichen Hintergründe des Anschlags und erklärt, warum Estland, Schweden, Finnland, Russland und die USA an einer Aufklärung der Umstände nach wie vor nicht interessiert sind.
    Gibt es so etwas wie eine Botschaft des Films? Jutta Rabe: „Ja, es gibt eine: Man sollte wachsam bleiben und sich immer eine eigene Meinung bilden – auch wenn die Regierungen versuchen, einem manchmal sogar mit Hilfe der Medien eine scheinbar plausible Erklärung vorzuspiegeln.“
    Die 8,9 Millionen Euro teure Produktion wurde mit deutschem, englischem und dänischem Geld gedreht. In den Hauptrollen: Greta Scacchi, Jürgen Prochnow und Donald Sutherland. Mehr zum Film unter www.balticstorm.com.


Jürgen Prochnow und Greta Scacchi

[Text: Richard Schneider. Quelle: DeutschlandRadio, 2003-10-13; Märkische Allgemeine, 2003-10-16; Neues Deutschland, 2003-10-16. Bild: Top Story Filmproduction GmbH.]


Die Ostseefähre 
„Estonia“