2003-10-27
Milliardenklage gegen Bertelsmann. Übersetzung prozessentscheidend
Die früheren AOL-Europe-Manager Jan Henric Büttner (39) und Andreas von Blottnitz (38) haben Bertelsmann auf Zahlung von rund 3 Mrd. Dollar verklagt. Die beiden waren ab 1995 für den Aufbau von AOL Europe verantwortlich. Damals war Bertelsmann noch an AOL beteiligt und insbesondere für den europäischen Ableger zuständig.
    Als AOL im Januar 2001 den Time-Warner-Konzern übernahm, verkaufte Bertelsmann seine AOL-Anteile an Time Warner. Damit sollten Bedenken der Wettbewerbshüter zerstreut werden. Außerdem war der Verkauf auf dem Höhepunkt der Internet-Euphorie ein gutes Geschäft – er brachte Bertelsmann 6,75 Mrd. Dollar ein. Ein gigantischer Betrag, wenn man bedenkt, dass der Aktienkurs von AOL Time Warner in den Jahren danach um zwei Drittel einschmolz. Und so gilt der AOL-Verkauf heute noch als Coup und eine der größten Leistungen des damaligen Bertelsmann-Chefs Thomas Middelhoff (50).
    Die klagenden Manager behaupten nun, dass Middelhoff ihnen damals eine „unternehmerische Beteiligung“ an AOL Europe zugesagt habe. Sie fordern deshalb, an dem Verkaufserlös beteiligt zu werden – und zwar mit 3 Mrd. Dollar.
    Im Anstellungsvertrag von Buettner heißt es: „Herr Buettner wird im Rahmen der unternehmerischen Beteiligung von Bertelsmann und in Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Stabilität des eröffneten Geschäftes an der Gesellschaft beteiligt werden.“ Laut Bertelsmann ist damit allerdings lediglich gemeint, dass er am firmeninternen „Modell der unternehmerischen Beteiligung für Führungskräfte“ teilhaben wird. Ihm sei jedoch kein Aktienbesitz an AOL Europe versprochen worden. Das sehen die Kläger anders.
    Für ihre Klage haben sich Büttner und von Blottnitz, die seit Jahren in Kalifornien leben, ein Geschworenengericht in Santa Barbara ausgesucht. 2001 sind sie bereits vor Gericht gegangen, jetzt kommt es erstmals zu einer mehrere Wochen dauernden Verhandlung. Die Übersetzungen ihrer Arbeitsverträge und insbesondere des Ausdrucks „unternehmerische Beteiligung“ ins Englische stehen dabei im Mittelpunkt.
    Richter James W. Brown, die Anwälte und die zwölf Geschworenen sprechen kein Wort Deutsch und wissen auch sonst nichts über Deutschland. „Ist Hamburg eine große Stadt?“, wollte Bertelsmann-Anwalt Tony Murray zum Beispiel vom Zeugen Thomas Middelhoff wissen.
    Tausende von Seiten mussten ins Englische übersetzt werden. Die wichtigsten Dokumente übertrug Russell Berman, ein Germanist und Literaturwissenschaftler der Stanford University. Das Wort „Beteiligung“ bedeutet für ihn „equity“, also „Kapitalbeteiligung“. 
    Aber es geht nicht nur um zwei Sprachen, sondern auch um zwei Wirtschaftskulturen. Bei Bertelsmann gibt es für Manager nur eine Ergebnisbeteiligung, aber keine Aktienbeteiligung. In den USA sind Aktienbeteiligungen für Vorstände hingegen die Norm.
    Bertelsmann hat deshalb versucht, den Gerichtsstand nach Deutschland zu verlagern, und parallel dazu zu einer außergerichtlichen Einigung zu kommen – vergebens. 
    Der Medienkonzern vertraut darauf, dass die beiden Manager mit ihrer Klage keinen Erfolg haben werden. Sie entbehre „jeglicher Grundlage“, und man habe nicht die Absicht, „sich erpressen zu lassen“. 
    Andererseits weiß auch Bertelsmann, dass Klagen in den USA ein Glücksspiel sind. Das gilt besonders für Geschworenengerichte, bei denen das Urteil nicht von Berufsrichtern, sondern von zwölf Dummköpfen gefällt wird, die von der Materie, um die es geht, nicht die geringste Ahnung haben. Vor Geschworenengerichten siegt am Ende meist der, den die Jury für glaubwürdiger hält. Und so meint ein Bertelsmann-Manager fatalistisch: „Wir sind in Gottes Hand.“
[Text: Richard Schneider. Quelle: FTD, 2003-09-15; Spiegel 44/2003; Focus 45/2003; intern, 2003-10-27. Bild: Archiv.] www.uebersetzerportal.de

Jan Henric Büttner

Thomas Middelhoff