2003-11-03
Zwei Jahre Übersetzerportal. Das große Exklusiv-Interview mit Richard Schneider

Herr Schneider, wozu braucht die Welt ein Übersetzerportal? Es gibt Tausende von Websites für Übersetzer, auch Portalseiten. 
Ja, das sind in der Regel aber schwafelige Diskussionsforen oder simple Linklisten, in denen seit Jahren immer dieselben mehr oder weniger nützlichen Links durch den Wolf gedreht werden.
    Was fehlt, ist eine Art Branchendienst, der tagesaktuell, verbandsunabhängig und länderübergreifend über das Geschehen in der Sprachmittlerbranche berichtet. Ein Dienst, der die Branche durchschaubarer macht und für mehr Transparenz sorgt. Das Übersetzerportal bemüht sich seit zwei Jahren, diese Lücke zu schließen.

Aber die Verbandszeitschriften berichten doch über die Berufspraxis ...
Einige Verbandszeitschriften haben sich in den letzten Jahren sehr zum Positiven entwickelt – nämlich von Verlautbarungsorganen zu Fachzeitschriften. Die besten Beispiele dafür sind das von Karl-Heinz Freigang, Giorgio Mauro und Uwe Reinke auf Vordermann gebrachte MDÜ und das von Helke Heino verantwortete Infoblatt des ADÜ Nord.
    Aber die Zeitschriften erscheinen nur alle zwei Monate und können daher nicht so aktuell sein wie ein Internet-Angebot. Außerdem sind bei den Verbänden bestimmte Themen tabu. Die Verbände kritisieren sich zum Beispiel nicht gegenseitig – das verbieten die diplomatischen Gepflogenheiten. Das Thema „Preise“ wird meist nur hinter vorgehaltender Hand diskutiert, und auf Missstände in den Verbänden und der Berufspraxis wird nur ungern hingewiesen, weil man Imageschäden in der Öffentlichkeit befürchtet. Engagierte Kritiker galten da schnell als Nestbeschmutzer. Im Übersetzerportal kann man hingegen völlig frei über diese Dinge berichten.

Ist es schwierig, Themen zu finden?
Nein. Die Geschichten liegen auf der Straße. Man muss sich nur die Mühe machen, sie aufzuheben. Sprachmittler kommen mit allen Bereichen des menschlichen Lebens in Berührung. Und so finden sich auch überall Geschichten mit Übersetzungsbezug: in der Wirtschaft, in der Politik, in der Literatur, im Showgeschäft. Unsere Berufsgruppe ist immer und überall an vorderster Front dabei.
    Als ich angefangen habe, die Presse systematisch zu durchforsten, war ich überrascht, wie oft Übersetzer und Dolmetscher Gegenstand der Berichterstattung sind – zwar selten als Hauptdarsteller, aber oft genug in Nebenrollen.

Wie sieht die Recherche für die „Tagesschau der Branche“ konkret aus?
Es gibt spezielle Nachrichten-Suchmaschinen für die Tagespresse wie Paperball und Google News. Dort suche ich nach Stichwörtern wie „Übersetzer“, „Übersetzerin“, „Übersetzung“, „übersetzen“ usw. Gelegentlich machen mich auch Kolleginnen und Kollegen auf Pressemeldungen aufmerksam, wofür ich sehr dankbar bin.
    Dann versuche ich, im Netz zusätzliche Informationen und geeignete Bilder zu finden. Hin und wieder muss man sich mit der Person, um die es geht, direkt in Verbindung setzen, um die Fakten abzuklären. Nach dem Sammeln und Sichten der Informationen wird dann der Artikel geschrieben.
    Die meisten Beiträge im Portal sind zwar – wie bei der Tagesschau im Fernsehen – recht kurz. Aber im Lauf der Zeit ergibt sich aus diesen Mosaiksteinchen für den Leser doch ein recht genaues Bild der Branche.

Die meisten Artikel sind nicht selbst recherchiert, sondern basieren auf Berichten der Tagespresse. Schmücken Sie sich da nicht mit fremden Federn?
Grundlage der Berichterstattung des Übersetzerprotals ist eine systematische, tägliche Medienbeobachtung. Das ist kein „Schmücken mit fremden Federn“, sondern eine mühselige Arbeit, die eigentlich in den Verantwortungsbereich der Verbände fällt. Wenn man es sich leicht machen wollte, könnte man einfach die Überschrift des Zeitungsartikels ins Portal setzen und sagen: „Klickst du hier, da steht was über Dolmetscher!“ Das ist aber aus mindestens zwei Gründen nicht sinnvoll: 
    Erstens sind die Links meist nur wenige Tage gültig. Dann verschwinden die Zeitungsartikel im Nirwana, oder sie werden in ein kostenpflichtiges Archiv verlagert. Wenn man diese Inhalte für ein Nachrichtenarchiv der Übersetzungsbranche retten will, muss man die Kernaussagen zusammenfassen. Nur so entsteht im Lauf der Zeit eine Branchenchronik, in der alle wichtigen Ereignisse und Personen erfasst werden.
    Zweitens ist eine simple Verlinkung auch deshalb nicht ratsam, weil Sprachmittler in vielen ellenlangen Zeitungsartikeln nur am Rande auftauchen. Dann ist es sinnvoller, die wenigen für uns wichtigen Zeilen herauszupicken und in den Mittelpunkt des Portalartikels zu stellen.
    In den ersten Monaten habe ich mich oft bemüht, eine Nachdruckerlaubnis einzuholen, um den Artikel im Wortlaut ins Portal stellen zu können. Das habe ich aber schnell wieder aufgegeben, denn solche Anfragen werden meist gar nicht, ansonsten zu langsam und dann in der Regel ablehnend beantwortet.

Warum bringen Sie nicht mehr eigene Beiträge wie zum Beispiel den über Milram (2003-07-09) oder den über die schwarzen Schafe und die armen Schweine (2003-01-27)?
Weil mir dafür meist einfach die Zeit fehlt. Um das Portal nicht zu einer reinen Presseschau verkommen zu lassen, übernehme ich ab und zu Artikel aus Verbandszeitschriften. Das nützt beiden Seiten. Das Portal kommt an interessante Inhalte, dem Autor erschließen sich zusätzliche Leserkreise und für die Zeitschrift und den herausgebenden Verband ist eine solche Zweitverwertung eine gute Werbung.

Dem Portal ist es gelungen, einige Themen ausgegraben, über die in den Verbandszeitschriften noch nie etwas zu lesen war ... 
Ja, wer hatte vorher schon etwas über den Berufsstand des Fußballdolmetschers gehört? Und die Leichen der Sprachmittler im Afghanistan- und Irak-Krieg hat außer uns auch noch niemand gezählt.
    Die Berliner Dolmetscheraffäre wäre ohne das Übersetzerportal sicher ein regionales Ereignis geblieben. Das MDÜ hat bis heute mit keinem Wort darüber berichtet.
    Das beliebteste Dossier im Portal ist das zum Thema „Preise“. Wahrscheinlich, weil auch dieser Bereich von den Verbänden sträflich vernachlässigt wird. Unsere Standesvertreter dürfen aus kartellrechtlichen Gründen keine Preisempfehlungen geben. Aber es ist nicht verboten, einfach die bekannten Fakten zusammenzustellen.

Sie hacken besonders gerne auf dem BDÜ herum ... 
Nein, nein. Nicht nur auf dem BDÜ.

Sind Sie eigentlich Mitglied in einem Übersetzerverband?
Nein, nicht mehr. Ich war als Germersheimer Student Mitglied im BDÜ Rheinland-Pfalz, dann Gründungsmitglied der ATICOM. Heute beschränke mich darauf, ein Sympathisant des ADÜ Nord zu sein. Die Verbandsunabhängigkeit des Herausgebers ist für das Portal nur von Vorteil.

Neben anspruchsvollen Themen, die auch in den Lebenden Sprachen oder im MDÜ erscheinen könnten, bringen Sie immer wieder auch recht seichte oder reißerische Geschichten. Ich denke da an Artikel wie „Übersetzerin künftige Königin von Spanien?“ (2003-04-11), „Nicole Kidman ist The Interpreter“ (2003-08-10), „Tätowierung mit chinesischen Schriftzeichen gibt 18-Jährigen der Lächerlichkeit preis“ (2002-07-10), „Mord an Dolmetscherin“ (2002-11-21), „Mörder droht Dolmetscher, er werde auch ihn umbringen“ (2003-09-10), „Gerichtsdolmetscher wegen Heroinhandels in U-Haft“ (2002-11-07) oder „Angeklagter bedroht Dolmetscherin“ (2002-08-28). Manchmal hat man den Eindruck, man würde die BILD-Zeitung lesen.
Das Leben hat auch seine bunten und spannenden Seiten. Deshalb haben Boulevard-Themen durchaus ihren Platz im Portal. Wir sind hier ja eben nicht die Lebenden Sprachen oder das MDÜ. Wichtig ist nur, dass immer ein Bezug zum Übersetzen besteht.
    Wenn wir darüber berichten, dass Gerichtsdolmetscher von Angeklagten oder aus deren Umfeld bedroht werden, dann hat das nichts mit Sensationsmache zu tun. Das ist einfach eine reale Erfahrung, die schon mancher Kollege hat machen müssen. Es kann natürlich sein, dass einige Verbandsfunktionäre schockiert sind, wenn sie erfahren, dass es so etwas gibt.

Welche Themen stoßen bei den Lesern auf das meiste Interesse?
Geld, Verbrechen, Erotik. In dieser Reihenfolge.

Wie bitte?
Ja, das zeigen die Statistiken. Ein Dauerbrenner ist wie gesagt das Dossier „Was verdienen Übersetzer?“. Ein Beispiel für die beliebten Kriminalgeschichten ist die Berliner Dolmetscheraffäre. Und in Sachen Erotik haben „die mit Abstand bestaussehende Dolmetscherin der Welt“ und die „erotischsten Dialekte“ wahre Klickorgien ausgelöst.
    Inzwischen kann ich bereits im Voraus recht gut einschätzen, ob ein Artikel am nächsten Tag 1.000 oder 1.800 Seitenabrufe erzeugt. Bisheriger Höhepunkt war die Urteilsverkündung in der Berliner Dolmetscheraffäre mit 2.115 Seitenabrufen an einem Tag – normal waren damals rund 800.

Gelegentlich formulieren Sie recht flapsig und machen keinen Hehl aus Ihrer persönlichen Meinung. Hat sich schon einmal jemand darüber beschwert?
Ja, zweimal haben sich Anwälte bei uns gemeldet. Das eine Mal wollte ein Pleitier aus Norddeutschland die Spuren seines früheren Tuns verwischen. Es wurden gerichtliche Schritte angedroht, falls wir nicht dies und das und jenes im Text ändern und vor allen Dingen sein Foto entfernen würden. Ich habe den Artikel dann umformuliert, bis der Typ Ruhe gegeben hat. 
    Bei der Recherche bin ich aber auf weitere pikante Details gestoßen, die ich noch in den Text aufgenommen habe. Außerdem hat ein ehemaliger Vorstandskollege, der heute mit dem Beschwerdeführer verfeindet ist, am Telefon so einiges erzählt. Am Ende sah der Text zwar anders, aber nicht weniger unvorteilhaft für die Pleitefirma aus. So gesehen hat sich die Beschwerde nicht gelohnt.
    Im anderen Fall fühlte sich ein alternder Stardolmetscher aus Süddeutschland durch eine ironisch gemeinte Bildunterschrift verunglimpft. Dabei wurde nicht einmal sein Name genannt. Sein Anwalt forderte mich auf, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben und 993,89 Euro auf sein Konto zu überweisen. Beide Wünsche wurden natürlich nicht erfüllt. Wir haben nur das Bild samt Unterschrift entfernt. Ich habe dann nichts mehr von ihm gehört. Er hätte sich auch branchenweit zum Affen gemacht, wenn er wegen dieser Petitesse prozessiert hätte. 
    Wer sich beschweren will, sollte mir einfach eine E-Mail schicken. Wenn etwas unzutreffend dargestellt worden sein sollte, wird es umgehend korrigiert.

Sie beschränken sich in der Berichterstattung auf den deutschen Sprachraum ... 
Ja, ganz bewusst.

Ist das im Zeitalter der Globalisierung nicht reichlich provinziell gedacht?
Der deutsche Sprachraum ist alles andere als provinziell. Sein Übersetzungsmarkt gehört zu den größten und finanziell attraktivsten der Welt. Hier finden rund 20.000 Sprachmittler Arbeit. Und es ist auch mehr als genug Arbeit, das Branchengeschehen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu beobachten.

Einer Ihrer Werbeslogans lautet „Täglich frisch!“. Können Sie diesem Anspruch gerecht werden?
Meistens schon. Die Zielvorgabe lautet: Jeden Tag ein neuer Artikel. Wenn manchmal ein paar Tage keiner erscheint, liegt das nicht daran, dass das Material ausgegangen ist, sondern daran, dass die Zeit fürs Recherchieren und Schreiben fehlt. Ich muss ja nebenbei auch noch Geld verdienen.

Sie verdienen doch mit dem Portal Geld ...
Hahaha ... ein guter Witz. Natürlich kassiere ich Geld für die Werbebanner und die Datenbankeinträge. Damit lassen sich auch locker die Provider- und Telekommunikationskosten bezahlen. Aber das, was wirklich teuer ist, sind die Arbeitsstunden, die ich ins Portal stecke. Und die werden aus den Einnahmen nur höchst unzureichend entlohnt. Ich habe einmal ausgerechnet, dass mir jede Arbeitsstunde fürs Portal vier Euro einbringt. Von „Geld verdienen“ kann da also keine Rede sein.

Wie hoch ist denn der Zeitaufwand?
Nicht unter zwei Stunden pro Tag.

Warum tun Sie sich das an?
Weil es mir Spaß macht, weil es mich interessiert. Für mich ist das ein faszinierendes, sinnvolles Hobby. Außerdem ist das Portal auch eine Arbeitsprobe, die man potenziellen Kunden präsentieren kann.

Unter praktisch allen Artikeln steht Ihr Name. Machen Sie wirklich alles selbst?
Was bleibt mir anderes übrig? Seit zwei Jahren steht im Info-Menü, dass ich mich über weitere Mitstreiter freuen würde, aber bis jetzt hat sich noch niemand gemeldet. Sogar dieses Interview muss ich mit mir selbst führen.

Dann ist das Portal im Grunde eine Ein-Mann-Kapelle?
Ja, leider. Ich könnte gut noch einige Mitstreiter gebrauchen, die Teilbereiche in Eigenverantwortung betreuen. Das Problem ist, Leute zu finden, die bereit sind, sich über Jahre hinweg um ein bestimmtes Thema zu kümmern. Geld kann man dabei nicht verdienen, aber man macht sich in der Branche einen Namen, profiliert sich vielleicht als Experte und kann PR in eigener Sache machen.

Was planen Sie für die Zukunft?
Ideen gibt es genug. Es fehlt nur an der Zeit, sie zu verwirklichen.

Welche Projekte gibt es konkret?
Darüber werde ich erst dann sprechen, wenn sie verwirklicht sind. Ich habe beim BDÜ erlebt, dass zwischen Ankündigung und Tun mehr als zehn Jahre vergehen können. Das soll mir im Übersetzerportal nicht passieren. Deshalb wird vorsichtshalber grundsätzlich gar nichts angekündigt.

Herr Schneider, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Es war mir ein Vergnügen – jederzeit wieder.
 
Richard Schneider (41) hat sein übersetzerisches Handwerk am Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft (FASK) der Uni Mainz in Germersheim gelernt. Seitdem arbeitet er freiberuflich als Übersetzer und Korrektor. Schneider gehört zu den Pionieren der Online-Kommunikation in der Übersetzungsbranche:

1992-1996: Auf diversen Fortbildungsveranstaltungen von Berufsverbänden und Universitäten hält Schneider auf Einladung Vorträge zum Thema „Telekommunikationsdienste für Übersetzer und Dolmetscher“. Für das MDÜ und die Technische Dokumentation verfasst er einige Artikel zum selben Thema.

1993: Gemeinsam mit Alexander von Obert richtet er die im deutschsprachigen Raum erste Mailbox für Übersetzer und Dolmetscher ein (innerhalb der seit 1988 von von Obert betriebenen Mailbox „TechWriter's Home“). Von 1994 bis 1996 war dieses Online-Medium die offizielle Mailbox des BDÜ. Schneider war in dieser Zeit Beauftragter des BDÜ-Bundesvorstandes für die BDÜ-Mailbox. 1997 wurden die Mailbox-Foren in die Mailinglisten U-FORUM und U-JOBS umgewandelt.

1993-1994: Schneider führt in Eigenregie unter der Bezeichnung „Modem-Seminar“ bundesweit 14 ganztägige Fortbildungsseminare zum Thema „Datenfernübertragung für Übersetzer und Dolmetscher“ durch.

2001: Einrichtung eines Internet-Portals für Übersetzer und Dolmetscher. Die Nachrichtenrubrik des Übersetzerportals ist weltweit der erste und immer noch einzige tagesaktuelle, verbandsunabhängige und länderübergreifende Branchendienst für Übersetzer und Dolmetscher.

[Text: Richard Schneider. Das Interview führte Richard Schneider. Bild: Schneider.]


Richard Schneider