2003-11-17
Alyaa in Bagdad: Dolmetschen unter Lebensgefahr
Unter dem Titel „Der Feind in meinem Land“ berichtet die Zeitschrift Neon (Ausgabe Dezember 2003/Januar 2004) über Alyaa Abdul Hassan Abbood (23), die in Bagdad ein Team von acht irakischen Dolmetschern leitet. Diese sind der Rechtsabteilung der 82. Luftlandedivision der Amerikaner zugeordnet.
    Alyaa übersetzt und bearbeitet Schadenersatzforderungen, die Iraker an die US-Armee stellen. Forderungen sind möglich, wenn die Schäden nach dem offiziellen Kriegsende am 1. Mai 2003 entstanden sind. Die Hinterbliebenen von aus Versehen oder widerrechtlich getöteten Irakern erhalten zum Beispiel 2.500 US-Dollar. 
    Alyaa fungiert als Brücke zwischen zwei Kulturen, zwei sich feindselig gegenüberstehenden Völkern. Für viele ihrer Landsleute ist sie eine Kollaborateurin. Und mehrere Dolmetscher sind bereits von irakischen Widerstandskämpfern umgebracht worden. „Ich sehe, wie die Leute mich schief anschauen. Als wäre ich eine Prostituierte oder eine Verräterin. Das tut weh. Aber ich bin überzeugt, dass ich für die Zukunft dieses Landes arbeite.“ Der Umgang mit ihren Landsleuten ist nicht immer einfach. „Ständig versucht man, mich zu bestechen“, sagt sie.
    Die Soldaten, die Alyaa jeden Tag ins Gericht fahren, tragen Helm und kugelsichere Westen, Alyaa nur Jeans und T-Shirt. Sie weigert sich, eine Schutzausrüstung anzulegen. „Die Soldaten behandeln mich wie eine Schwester. Sie sind alle sehr nett und haben gute Manieren, aber ich habe nicht vor, mich in einen von ihnen zu verlieben“, erzählt sie.
    Zehn Tage nach Kriegsbeginn waren die Amerikaner bis vor ihr Elternhaus am Stadtrand von Bagdad vorgedrungen. „Die US-Soldaten auf der Straße riefen, dass sie jemanden suchen, der Englisch spricht. Mein Bruder lief hinaus, um zu helfen.“ Später lud die Familie einige Soldaten zum Abendessen in ihr Haus ein.
    Vor zwei Jahren hat Alyaa ihr Anglistik- und Romanistikstudium abgeschlossen und war danach unter Saddam arbeitslos. Heute geht es ihr so gut wie nie. Einer ihrer Brüder arbeitet ebenfalls als Sprachmittler für die Amerikaner. Der Vater, ein pensionierter General, unterstützt seine Kinder, die Mutter macht sich jedoch große Sorgen.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Neon, 12/2003-01/2004. Bild: Neon.] www.uebersetzerportal.de