2003-11-23
Ehrenamtlich dolmetschen für einen guten Zweck: Das Dolmetscher-Netz „Babels“
Mitte November fand in Paris, St. Denis, Bobigny und Ivry das zweite Europäische Sozialforum (ESF) statt, in dessen Rahmen mehr als 10.000 Globalisierungsgegner und Friedensfreunde drei Tage lang diskutierten und demonstrierten.
    Für die sprachliche Verständigung sorgten sage und schreibe 1.200 Dolmetscher*. Ein Drittel davon waren Profis, die für den guten Zweck ohne Honorar arbeiteten, der Rest bestand aus engagierten Laien. 
    Ihr Einsatz wurde von Babels koordiniert, einem internationalen Netz ehrenamtlich arbeitender Dolmetscher, das grundsätzlich nicht kommerziell tätig wird. Engpässe gab es lediglich bei der Bereitstellung englischer Muttersprachler, an denen bekanntlich europaweit ein chronischer Mangel besteht.
    Babels („im Plural, um den überstaatlichen Charakter der Organisation zu betonen“) entstand im September 2002 bei der Vorbereitung des Europäischen Sozialforums in Florenz. Innerhalb von zwei Monaten konnten damals über 300 ehrenamtliche Dolmetscher und Übersetzer gewonnen werden. Heute gibt es nationale Koordinierungsstellen in Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien,  Italien, Russland und Spanien.
    Die Idee zu Babels entstand bei der Arbeit von Coorditrad, dem Übersetzernetz für Attac-Publikationen. Zurzeit enthält die Babels-Datenbank die Profile von rund 3.000 Sprachmittlern.
    Babels bemüht sich, fortlaufend neue Mitarbeiter zu rekrutieren, und weist Studenten und Berufsanfänger darauf hin, dass die ehrenamtliche Arbeit eine gute Möglichkeit ist, Erfahrungen zu sammeln. Die Organisation entwickelt aber auch „linguistische Instrumente“, die die Arbeit erleichtern sollen. Beim nächsten Weltsozialforum (WSF), das im Januar 2004 im indischen Mumbay stattfinden wird, will Babels eine „alternative Simultanübersetzungstechnologie“ einsetzen, die bereits beim diesjährigen ESF vorgestellt wurde und zurzeit weiterentwickelt wird.
    Den meisten von Coorditrad oder Babels übersetzten Texten merkt man an, dass Laien am Werk waren. Verblüffend ist jedoch die weltumspannende organisatorische Professionalität, von der die Friedensbewegung der 80er Jahre nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Die meisten kommerziellen Übersetzungsbüros hätten wohl vor der Aufgabe kapitulieren müssen, in Paris den Einsatz von 1.200 Dolmetschern zu koordinieren. Und so sind die europäischen und weltweiten Sozialforen sowie internationale Organisationen wie Attac, Coorditrad und Babels selbst der beste Beweis für die zunehmende Globalisierung.

*Stolz verkündeten die Organisatoren: „80 % sont des femmes!“ Das, liebe Feministinnen und Feministen, ist jedoch kein Erfolg der Frauenbewegung, sondern eine Art Naturgesetz der Branche. Schon in der weltweit größten Ausbildungsstätte (Germersheim) sind seit jeher knapp über 80 Prozent der Studierenden Frauen. Trotzdem betreibt der dortige AStA ein Frauen-, aber kein Männerreferat. Und trotzdem werden Frauen bei der Vergabe von Dozentenstellen bei gleicher Qualifikation gegenüber Männern bevorzugt. Ein Skandal sondergleichen, der bislang viel zu wenig ins Bewusstsein der Fachöffentlichkeit gedrungen ist.


Links zum Thema
Babels www.babels.org
ESF www.fse-esf.org
[Text: Richard Schneider. Quelle: indymedia, 2003-11-14; Babels; ESF. Bild: ESF.] www.uebersetzerportal.de