2003-12-08
Noam Chomsky – der „Einstein“ der Sprachwissenschaft wird 75
Gestern feierte Noam Chomsky seinen 75. Geburtstag. Für viele ist er der „Einstein“, der „Galileo“ der Sprachwissenschaft. Der 1928 in Philadelphia (Pennsylvania) geborene Sohn eines aus Russland eingewanderten Hebräisch-Lehrers studierte Sprachwissenschaft, Mathematik und Philosophie an der University of Pennsylvania und der Harvard University und machte 1955 seinen Doktor. Danach lehrte er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und bekam dort 1961 im Alter von 32 Jahren einen Lehrstuhl im Department of Modern Languages and Linguistics.
    Seinen Ruf begründete Noam Chomsky mit der revolutionären sprachwissenschaftlichen Theorie der „universalen Grammatik“. Nach Chomsky weisen alle Sprachen – trotz ihrer oberflächlichen Verschiedenheit – in ihrer Tiefenstruktur bestimmte gemeinsame Merkmale auf.
    Diese universalen Regeln der Sprache führte er auf universale Regeln der Logik zurück. Im Linguistischen Wörterbuch von Lewandowski heißt es dazu: 
Wenn die Gesetze des Denkens für alle Menschen gleich sind und es nur eine Logik gibt und die Sprache die Gesetze des Denkens widerspiegelt bzw. die Inhalte des Denkens oder die Gedanken bezeichnet, dann müssen die Regeln der Sprache den Regeln des Denkens entsprechen.
Nach Chomsky ist die Sprachfähigkeit dem Menschen angeboren wie das Fliegen dem Küken. Die Universalgrammatik lässt sich als System neurophysiologisch realisierter Schaltkreise im Sprachzentrum des Gehirns begreifen. 
    Welche Sprachen entsprechen dann am ehesten der angeborenen Universalgrammatik? Die Kreol- und Pidginsprachen. Diese Misch-, Handels- und Hilfssprachen weisen auf der ganzen Welt eine verblüffende Einheitlichkeit und dieselben grammatischen Strukturen auf. Völlig unabhängig davon, ob sie auf der Grundlage des Englischen, Französischen oder einer anderen Sprache entstanden sind.
    Warum sprechen dann nicht alle Kinder eine Kreolsprache? Die Antwort lautet, dass sie genau das immer wieder mit aller Anstrengung versuchen. Die Menschen in ihrer Umgebung sprechen jedoch immerfort Deutsch, Russisch oder eine andere Sprache. Das Kind muss die angeborene Grammatik ändern, bis sie der erlernten entspricht. Deshalb machen alle Kinder im Verlauf des Spracherwerbs dieselben Fehler. 
    Die angeborene Grammatik lässt zum Beispiel die mehrfache Verneinung als besonders nachdrückliche Verneinung zu. Ein übersetztes Beispiel aus einer in Guayana verbreiteten Kreolsprache: „Kein Hund hat nicht keine Katze gebissen.“ Für Kinder ist dieser Satz völlig logisch und auf Anhieb verständlich. Im Deutschen hingegen ist eine doppelte Verneinung gleichbedeutend mit einer Bejahung, eine dreifache Verneinung bleibt eine Verneinung. Dies müssen Kinder erst mühsam lernen. (Wie die Praxis zeigt, lernen viele es ihr Leben lang nicht. Eigentlich kein Wunder, denn diese Regel widerspricht der Natur des Menschen.) 
    Ein weiteres Beispiel für systematische Fehler dieser Art ist bei Kindern die Bildung von Fragesätzen. Aus in der Satzstellung unveränderten Aussagesätzen wird durch bloßes Anheben der Stimme am Satzende eine Frage. Viele Hochsprachen schreiben hingegen darüber hinaus vor, Subjekt und Verb umzustellen. Das Anheben der Stimme ist, wie die Kreolsprachen zeigen, gewissermaßen angeboren, die Umstellung der Satzglieder muss erlernt werden.
    Chomskys Erkenntnisse standen Mitte des letzten Jahrhunderts im Widerspruch zur damals dominierenden Schule, die die Sprachfähigkeit als Ergebnis eines reinen Lernprozesses betrachtete. In jüngster Zeit lieferten die Neurowissenschaften jedoch weitere Hinweise für die Richtigkeit seiner Theorie.
    Aber Noam Chomsky ist nicht nur Sprachwissenschaftler, sondern seit den Tagen des Vietnamkriegs auch Gesellschaftskritiker. Für ihn sind die USA der eigentliche „Schurkenstaat“ der Moderne. Andererseits: „Ich wüsste kein anderes Land, in dem die freie Meinungsäußerung so geschützt und gewahrt wird wie hier.“ 
    Chomsky, in seiner Jugend ein linker Zionist, der kurz in Israel in einem Kibbuz arbeitete und Hebräisch unterrichtete, schreckt auch vor harscher Kritik an Israel nicht zurück.
    Kein Wunder, dass er für viele ein Querulant, Unruhestifter und Nestbeschmutzer ist. Von den auf patriotischen Konsens ausgerichteten Massenmedien in den USA wird er weitgehend ignoriert. Aber diese Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Chomsky steht den Medien äußerst kritisch gegenüber: „Die Medien betrügen vorsätzlich.“ Für ihn sind sie Instrumente des Kapitals und der herrschenden politischen Klasse.
    Vieles bei ihm erinnert an die marxistische Analyse. Aber Chomsky lehnt Marx im Wesentlichen ab und fühlte sich schon früh verschiedenen anarchistischen Theoretikern verbunden. Heute fordert er eine Demokratisierung der Wirtschaft und setzt seine Hoffnungen auf die „zweite Supermacht“, die „öffentliche Weltmeinung“.
    Die taz charakterisiert die graue Eminenz der amerikanischen Linken so: „Er ist ein anarchischer Libertärer – auf etwas kauzige Art. Dabei ist er bei Gott kein Volksredner, keiner, der die Massen elektrisieren und auf die Barrikaden treiben könnte. Sondern ein netter, schräger Professor, der sagt, was er sich eben so denkt.“
[Text: Richard Schneider. Quelle: dpa, 2003-12-05; Neues Deutschland, 2003-12-06; taz, 2003-12-06; n-tv, 2003-12-08; MIT; Spektrum der Wissenschaft: Die Evolution der Sprachen; Lewandowski: Linguistisches Wörterbuch. Bild: diverse Quellen.] www.uebersetzerportal.de

Noam Chomsky