2004-01-10
Wie werde ich Übersetzer? Die Heilbronner Stimme verrät es uns
Die Heilbronner Stimme stellt in ihrer Rubrik „Wie werde ich ...?“ diesmal den Beruf des Übersetzers vor. Zu Wort kommen Thomas Brovot vom Literaturübersetzerverband VdÜ, John D. Graham (ATICOM), Norbert Koschyk (Pressesprecher des BDÜ-Bundesverbands) und Annette Sommer (Leiterin der Würzburger Dolmetscherschule). Die Interviewpartner sind geschickt gewählt und der Artikel zählt in wenigen Zeilen alle wesentlichen Fakten auf.
    Unter Berufung auf Norbert Koschyk heißt es: „Für eine Zeile mit 55 Anschlägen sei im Schnitt ein Euro Honorar zu erzielen.“ Eine Aussage, die der BDÜ-Pressesprecher aber so nicht gemacht hat, wie er gegenüber dem Übersetzerportal klarstellte. Auch die Aussage „beinahe jeder neunte Übersetzer arbeitet frei“ (das wären 11,1 Prozent) stamme nicht von ihm. Da seien bei dem Autor offenbar „ein paar Dinge durcheinander geraten“.
    Thomas Brovot gibt zu bedenken, dass von den Literaturübersetzern nur ganz wenige vom Honorar leben können. „Auch wer Aufträge hat, verdient selten mehr als 1000 Euro im Monat.“ (Vielleicht hätte man spaßeshalber auch einmal den Harry-Potter-Übersetzer Klaus Fritz fragen sollen – aber der sagt leider nichts.)
    Schade ist, dass in dem Artikel wieder einmal der – unter Laien vorherrschende – Eindruck bestärkt wird, das Simultandolmetschen sei die Krone der Sprachmittlung. So heißt es etwa „das Simultandolmetschen ist schwieriger“ [als das Konsekutivdolmetschen und das Übersetzen] und am SDI könnten „besonders Begabte“ einen „Zusatzkurs im Dolmetschen“ belegen. 
    Wer in der Branche das meiste Geld verdient, scheint auch keine Frage zu sein: „Ein Dolmetscher kann pro Tag bis zu 1000 Euro verdienen. Übersetzer waren zuletzt weniger begünstigt.“ Verschwiegen wird, dass die meisten Konferenzdolmetscher ihre monatlichen Konferenztage an einer Hand abzählen können und diese Sparte die Wirtschaftskrise als erste zu spüren bekam.
    Und was die Qualität angeht: Jeder von uns weiß, dass Simultandolmetscher nur dort eingesetzt werden, wo es schnell gehen muss und es „nicht so drauf ankommt“. Sobald es um wirklich wichtige Dinge geht, wird schriftlich gearbeitet – mit Übersetzern. Kein Übersetzer könnte es sich leisten, seinem Kunden das auf Papier abzuliefern, was ein Simultandolmetscher ins Mikrofon stammelt.
    Als Ansprechpartner für weitere Informationen wird der BDÜ genannt. Der Artikel wurde von der dpa erstellt und dürfte deshalb in mehreren Zeitungen erscheinen. Wir haben ihn in der Heilbronner Stimme, in der Job-Rubrik von Tiscali und in einer Schülerzeitung entdeckt.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Heilbronner Stimme, 2004-01-10; Tiscali, 2004-01-05. Bild: VdÜ, Graham.] www.uebersetzerportal.de

Thomas Brovot


John D. Graham