2004-01-15
Fehler im Zieltext – Übersetzungsverantwortliche bezichtigen Unbekannte des Buchstabendiebstahls
Dass Politiker und andere hohe Tiere die Schuld gerne dem Übersetzer in die Schuhe schieben, wenn etwas schief läuft, ist bekannt. Dass aber Übersetzungsverantwortliche bei Fehlern im Zieltext Buchstabendiebe am Werk sehen und Anzeige gegen Unbekannt erstatten, ist neu. Ein solcher Fall hat sich im staatlich anerkannten Erholungsort Klingenthal im sächsischen Vogtland zugetragen.
    Dort wird gerade eine neue Skisprungschanze gebaut. Also wurde zur Information auch die obligatorische Tafel montiert, auf der Bauherr, Architekt usw. aufgeführt werden. Da die tschechische Grenze nur einen Katzensprung entfernt ist, ließ man den Text übersetzen und auch auf Tschechisch anbringen.
    Vier Monate nach der Enthüllung der Tafel fiel auf, dass im tschechischen Text zwei Buchstaben fehlen und dieser dadurch einen anderen Sinn bekommt. Im Wort „Kraj“ (Kreis) fehlt das j. „Kra“ bedeutet jedoch Eisscholle. Und bei „Zimnich“ (Winter), fehlt ein i, so dass man „Mnich“ (Mönch) lesen könnte. Wer Spaß versteht, könnte dadurch in etwa lesen, dass hier eine vogtländische Eisscholle ein Zentrum für sportliche Mönche errichtet. 
    Na ja, „dumm gelaufen“, könnte man jetzt sagen. Kleben wir halt die beiden Buchstaben wieder rein und dann Schwamm drüber. Aber nein – jetzt geht die Geschichte erst richtig los:
    Bauplaner Rüdiger Schunk und der Vogtlandkreis als Bauherr vermuten nämlich, dass die Buchstaben „in böswilliger Absicht“ entfernt wurden. Sie wollen Anzeige gegen Unbekannt erstatten.
    An einen Lausbubenstreich oder von alleine abgefallene Buchstaben glauben die Verantwortlichen nicht. Die Buchstaben aus Kunststoff seien mit einem Kleber auf die Tafel geleimt worden, der im Prinzip eine Ewigkeit halte. „Man muss schon sehr gut die tschechische Sprache beherrschen, um so gezielt vorzugehen“, so Schunk, der von einer „bewussten Diffamierung des Schanzenbaus“ spricht.
    Einen Übersetzungs- oder Tippfehler schließt Schunk ebenfalls aus. Mit dem IHK-Kontaktzentrum für Sächsisch-Tschechische Wirtschaftskooperation und dessen Leiterin Elke Magera habe er eine „überaus kompetente“ Unterstützung zur Seite gehabt. Wer das Schriftbild unter die Lupe nehme, könne genau an den Stellen größere Abstände erkennen, an denen die Buchstaben j und i entfernt worden seien. Die Organisatoren gehen deshalb davon aus, dass auf der Tafel anfangs die korrekte Buchstabenfolge stand.
    Ein Foto, das ein Zeitungsreporter vergangenen August am Tag der Tafelenthüllung durch Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt schoss, zeigt jedoch, dass die beiden Buchstaben schon damals fehlten. Dabei war die Tafel erst kurz zuvor montiert worden, um Beschädigungen zu verhindern.
    Auf die Schreibfehler waren die „Experten“ erst aufmerksam geworden, als ein sprachkundiger Zeitungsleser Alarm schlug. Dieser entdeckte neben den beiden fehlenden Buchstaben allerdings noch weitere Schnitzer: einen Buchstabendreher und fünf fehlende Betonungszeichen.


Die Tafel des Anstoßes

[Text: Richard Schneider. Quelle: Freie Presse, 2004-01-09. Bild: Klingenthal, nordic-fan.de.] www.uebersetzerportal.de