2004-01-20
„Tätervolk“ ist Unwort des Jahres 2003
Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser von der sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres hat heute in Frankfurt am Main die Unwörter des Jahres 2003 vorgestellt. Die Rangfolge:
    1. Tätervolk. Nach Ansicht der Jury ist der Ausdruck „grundsätzlich verwerflich, da er jeweils ohne jede Ausnahme ein ganzes Volk für die Untaten kleinerer oder größerer Tätergruppen verantwortlich macht, also den Vorwurf einer Kollektivschuld erhebt“. Die Verbindung dieses Begriffs mit dem jüdischen Volk sei zudem „ein aktueller Beleg für den immer noch wirkenden Antisemitismus“. (Dass die Deutschen seit einem halben Jahrhundert regelmäßig als „Tätervolk“ bezeichnet werden, hat die Jury in den 13 Jahren ihres Bestehens aber offenbar bislang nicht gestört.)
    Der CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann hatte im Oktober 2003 in einer Rede in seinem Wahlkreis den Ausdruck thematisiert. Die Äußerungen wurden als antisemitisch ausgelegt und Hohmann aus der CDU-Fraktion des Deutschen Bundestags ausgeschlossen (siehe Kasten unten).
    2. Angebotsoptimierung. Die Jury: „Das Wort soll die Verringerung von Dienstleistungen beschönigen, etwa wenn Stilllegungen von Bahnstrecken damit umschrieben werden. Ähnlich wurde auch der Abbau von Briefkästen als Briefkastenoptimierung angepriesen. Das Wort Optimierung entlarvt sich inzwischen generell als Verschleierung bloßen Profitdenkens.“
    3. Abweichler. „Das Wort wurde zur Diskriminierung von Bundestagsabgeordneten missbraucht, die es ,gewagt' hatten, ihre grundgesetzlich verankerte Pflicht zur Gewissensentscheidung über einen Fraktions- oder Koalitionszwang zu stellen“, so die Jury.
    Insgesamt waren dieses Jahr 2.270 Einsendungen mit 1.160 verschiedenen Vorschlägen eingegangen – deutlich mehr als im letzten Jahr. Am häufigsten genannt wurde das Wort „Reform“ in einer Vielzahl von Kombinationen. Auf den nächsten Plätzen folgten „Kopfgeld“ und „friendly fire“. Die Häufigkeit eines Vorschlags ist jedoch nicht entscheidend.
    Die Aktion „Unwort des Jahres“ rügt seit 1991 „Wörter oder Formulierungen aus der aktuellen öffentlichen Kommunikation, welche die Erfordernisse sachlicher Angemessenheit und humanen Miteinanders besonders deutlich verfehlen“.
    Das Unwort des Jahres wurde früher von der Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gekürt, die auch das „Wort des Jahres“ auswählt. Die Unwort-Jury trennte sich jedoch wegen eines Streits um den Ausdruck „kollektiver Freizeitpark“ 1994 von der GfdS. Die vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl geprägte Wendung war 1993 zwar nicht zum Unwort gekürt, aber als sprachlicher Missgriff gerügt worden. Das Kanzleramt reagierte empört. „Allzu verständnisvolle Reaktionen“ des Vorstands der GfdS auf die Kritik aus Bonn führten dann laut Schlosser zur Trennung von der Wiesbadener Gesellschaft. Die Jury machte sich als „Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres“ selbstständig.
    Ständige Mitglieder der Jury sind ihr Sprecher Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser (Frankfurt a.M.) sowie die Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Margot Heinemann (Görlitz-Zittau), Prof. Dr. Rudolf Hoberg (Darmstadt, GfdS-Vorsitzender) und Dr. Nina Janich (Regensburg). Zwei weitere Jurorensitze werden jährlich neu mit „Vertretern der öffentlichen Sprachpraxis“ besetzt. In diesem Jahr waren dies der Fernsehjournalist Reinhold Beckmann (ARD/NDR) und der Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller, Prof. Dr. Fred Breinersdorfer.


Horst Dieter Schlosser
 
Ausschnitte aus der Rede von Martin Hohmann:

[...] Die Deutschen als Tätervolk. Das ist ein Bild mit großer, international wirksamer Prägekraft geworden. Der Rest der Welt hat sich hingegen in der Rolle der Unschuldslämmer – jedenfalls der relativen Unschuldslämmer – bestens eingerichtet. Wer diese klare Rollenverteilung – hier die Deutschen als größte Schuldigen aller Zeiten, dort die moralisch überlegenen Nationen – nicht anstandslos akzeptiert, wird Schwierigkeiten erhalten: Schwierigkeiten gerade von denen, die als 68er das „Hinterfragen, das Kritisieren und das Entlarven“ mit großem persönlichen Erfolg zu ihrer Hauptbeschäftigung gemacht haben.
    Auf diesem Hintergrund stelle ich die provozierende Frage: Gibt es auch beim jüdischen Volk, das wir ausschließlich in der Opferrolle wahrnehmen, eine dunkle Seite in der neueren Geschichte, oder waren Juden ausschließlich die Opfer, die Leidtragenden? 
[...]
    Mit einer gewissen Berechtigung könnte man im Hinblick auf die Millionen Toten dieser ersten Revolutionsphase [in Russland] nach der „Täterschaft“ der Juden fragen. Juden waren in großer Anzahl sowohl in der Führungsebene als auch bei den Tscheka-Erschießungskommandos aktiv. Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als „Tätervolk“ bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet. 
    Meine Damen und Herren, wir müssen genauer hinschauen. Die Juden, die sich dem Bolschewismus und der Revolution verschrieben hatten, hatten zuvor ihre religiösen Bindungen gekappt. Sie waren nach Herkunft und Erziehung Juden, von ihrer Weltanschauung her aber meist glühende Hasser jeglicher Religion. Ähnliches galt für die Nationalsozialisten. Die meisten von ihnen entstammten einem christlichen Elternhaus. Sie hatten aber ihre Religion abgelegt und waren zu Feinden der christlichen und der jüdischen Religion geworden. Verbindendes Element des Bolschewismus und des Nationalsozialismus war also die religionsfeindliche Ausrichtung und die Gottlosigkeit. Daher sind weder „die Deutschen“, noch „die Juden“ ein Tätervolk. [...]

(Hervorhebungen vom Übersetzerportal.) Den vollständigen Text der Rede finden Sie hier.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Pressemitteilung Unwort des Jahres, 2004-01-20. Bild: Schlosser, Deutscher Bundestag.] www.uebersetzerportal.de


Horst Dieter Schlosser


Martin Hohmann