2004-02-01
Französisch als interne Verwaltungssprache der EU gefährdet. Paris startet Rettungsversuch
Alle Standorte der EU-Verwaltung (Brüssel, Straßburg, Luxemburg) liegen auf frankophonem Gebiet. Französisch – und nicht Englisch – war daher von Anfang an die interne Verwaltungssprache der Europäischen Union. Doch dieser Status begann mit den Beitrittswellen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu bröckeln. 
    1995 traten Finnland, Schweden und Österreich der EU bei. „Das war der Umschwung“, erinnert sich ein Kommissions-Beamter und sagt schmunzelnd: „Von da an gings bergab.“ Zumindest mit der französischen Sprache. 
    Denn die aus den neuen Ländern hereinströmenden Funktionäre benutzen vorwiegend das Englische als Verkehrssprache. 83 Prozent sprechen die Sprache Shakespeares, nur 24 Prozent die Voltaires. Bis 2008 sind 5.000 Neueinstellungen aus den neuen Beitrittsländern geplant. Das wird die Machtverhältnisse weiter zuungunsten des Französischen verschieben.
    „Die Union ist vor 50 Jahren auf unserer Sprache gegründet worden“, so ein Regierungssprecher in Paris. Die Regierung Raffarin fördert deshalb heute schon mit nationalen Mitteln Sprachkurse für EU-Beamte in Brüssel. Jetzt drängt sie zudem die EU-Kommission, die Beamten aus den Beitrittsländern auf die Schulbank zu zwingen. Die Neulinge sollen Französisch lernen. „Ohne Französisch keine Karriere“, heißt die Devise, die im neuen Beamtenstatut verankert werden soll. Wer kein Französisch kann, dem soll der berufliche Aufstieg versagt bleiben. 
    Es ist jedoch zweifelhaft, ob Paris mit diesem Vorstoß durchkommen wird. Für den britischen Europaabgeordneten Christopher Heaton-Harris wären die dann erforderlichen Sprachkurse pure „Geldverschwendung – Millionen nur für den bizarren Stolz der Franzosen auf ihre Sprache“.


[Text: Richard Schneider. Quelle: Heidenheimer Zeitung, 2004-01-31. Bild: Eugène Delacroix, Detail aus „Die Freiheit führt das Volk“ (1830).] www.uebersetzerportal.de