2004-02-21
„Beziehung der Deutschen zur eigenen Sprache komplexbeladen.“ – Zafer Senocak zum Tag der Muttersprache
Der internationale Tag der Muttersprache wird dieses Jahr zum vierten Mal begangen. Das Medienecho ist immer noch gering, aber es wächst. Immerhin 10 deutschsprachigen Zeitungen war der Anlass einen Artikel wert. Sprachpflegeverbände nutzten die Gelegenheit, für ihre Anliegen zu werben. 
    In der Berliner tageszeitung (taz) ist eine Betrachtung von Zafer Senocak (42) erschienen:
Wer aus angelsächsischen Ländern nach Deutschland kommt, um vor Ort die deutsche Sprache zu lernen, hat es schwer. Hat der Einheimische den Akzent herausgehört, versucht er sein Bestes, um mit dem Fremden auf Englisch zu kommunizieren. Ähnlich verhalten sich Wissenschaftler und Künstler aus Deutschland im Ausland. Die eigene Sprache gilt auf dem internationalen Parkett fast nichts, wer nicht irgendeine Art von Englisch spricht, bleibt stumm. [...]
    Immer seltener kommen in Konferenzen Übersetzer vor, auch wenn eine Fremdsprache die eigene kaum ersetzen kann, wenn es um differenzierten Ausdruck und Zwischentöne geht. Der Stolz auf die eigene Sprache, wie er in Frankreich selbstverständlich ist, kommt in Deutschland, wenn überhaupt, dann nur als eine Obsession von Sonderlingen vor. [...]
    Solange die Beziehung der Deutschen zur eigenen Sprache komplexbeladen ist, bleibt die Anziehungskraft der Sprache gehemmt. Sie dient bestenfalls als Kommunikationsvehikel, nicht aber als emotionale Tragfläche, die Menschen aneinander bindet. [...] 
Vor allem weist Senocak darauf hin, dass die Muttersprache von Millionen von Deutschen nach den Völkerwanderungen der letzten Jahre und Jahrzehnte Türkisch oder Russisch ist. Senocak: „Allein in den Amtsstuben, in den Schulbehörden und bei den Kultur- und Bildungspolitikern ist diese Tatsache noch nicht angekommen.“
    Den vollständigen Artikel können Sie in der taz lesen. (Externer Link, möglicherweise nicht mehr gültig.)
 
Zafer Senocak wurde 1961 in Ankara geboren. 1970 kam er nach Deutschland. In München studierte er Germanistik, Politik und Philosophie. Als Lyriker, Essayist, Publizist und literarischer Übersetzer macht er seitdem auf sich aufmerksam. Seit 1990 lebt er in Berlin. Beim Sender Freies Berlin war er Moderator einer Talkshow, bei der tageszeitung leitete er die interkulturelle Rubrik. Senocak erhielt zahlreiche Preise und Stipendien.

Links zum Thema
2003-02-21 21. Februar: UNESCO begeht zum dritten Mal internationalen Tag der Muttersprache
2002-02-21 21. Februar, Tag der Muttersprache: Tote und Verletzte vor 50 Jahren in Ost-Bengalen

[Text: Richard Schneider. Quelle: taz, 2004-02-21. Bild: ?] www.uebersetzerportal.de


Zafer Senocak