2004-04-02
„Den Anschein der Vielsprachigkeit aufrechterhalten“ – Wie sich die Europäische Zentralbank auf die EU-Osterweiterung vorbereitet
Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main bereiten 18 Übersetzer aus den Beitrittsländern die EU-Erweiterung am 1. Mai vor. Je zwei Übersetzer aus Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, der Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn hat die Bank seit Oktober eingestellt. Bei Yahoo News heißt es dazu:
Zwei Übersetzer pro Sprache – das reicht nur, weil der Schriftverkehr innerhalb der EZB und mit den nationalen Zentralbanken der Mitgliedstaaten aus praktischen Gründen auf Englisch abläuft, erläutert die Leiterin der Übersetzungsabteilung, die Britin Sarah. „Aber nach aussen erhalten wir den Anschein aufrecht, dass wir vollkommen vielsprachig sind“, sagt sie.
    Alle Texte, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind, müssen ab 1. Mai in allen 20 Sprachen gleichzeitig erscheinen: Presseerklärungen, Jahresberichte, Monatsberichte, die Texte auf der Web-Site der EZB, Informationsbroschüren für die EU-Bürger, Material für Schulklassen. [...]
    In den vergangenen Monaten haben die neuen Übersetzer an solchen Texten geübt [...]. Zwar verfügen alle über mehrere Jahre Berufserfahrung, zum Teil auch im Bankenbereich, aber das Vokabular der jungen Gemeinschaftsbank ist eben doch sehr spezifisch. [...]
    Zum Teil leisten die Übersetzer eben wirklich Pionierarbeit, erläutert Sarah: „Weil die EZB bei gewissen Entwicklungen an vorderster Front steht, müssen wir auch in den gegenwärtigen EU-Sprachen erst die richtige Terminologie dafür finden.“
Auffällig ist, dass die im Artikel zitierten Übersetzer nur beim Vornamen genannt werden („die Britin Sarah“, „Marko aus Slowenien“, „Louise aus Malta“, „Vladimir und Milan aus Tschechien“) – ein Zugeständnis an die gelegentlich schon als krankhaft zu bezeichnende Abschottungs- und Geheimhaltungsmanie der EZB.
    Die Eurobanker haben sich dadurch in Frankfurt nachhaltig unbeliebt gemacht. 1997 bezogen sie im Stadtzentrum einen Wolkenkratzer, den sich 20 Jahre zuvor die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) bauen ließ. In den beiden unteren Etagen befand sich eine quirlige Einkaufspassage – bis die Eurobanker kamen und ein Geschäft nach dem anderen zur Aufgabe zwangen. Statt die Innenstadt zu beleben verwandelten sie das Viertel in einen Friedhof. Auch heute kann man sich nicht in Ruhe die Schaufenster der wenigen verbliebenen Geschäfte anschauen, ohne von einem permanent um den Block schleichenden Wachmann misstrauisch beäugt und von Überwachungskameras gefilmt zu werden.
    Der für Frankfurter Verhältnisse unspektakuläre und kleine Wolkenkratzer ist der EZB ohnehin zu wenig repräsentativ (148 Meter; der Turm der Commerzbank ist 111 Meter höher). Ende 2008 will sie in einen standesgemäßen Neubau im Osten der Stadt umziehen. 


Rechts im Bild der geplante Neubau der EZB auf dem Gelände der ehemaligen Großmarkthalle im Frankfurter Ostend

[Text: Richard Schneider. Quelle: Yahoo News, 2004-04-01; Frankfurter Rundschau, 2003-01-29. www.uebersetzerportal.de]


Der „Eurotower“ in Frankfurt, Sitz der Europäischen Zentralbank von 1997 bis 2008