2004-06-18
BGH stärkt Rechte der Literaturübersetzer. Karin Krieger gewinnt Prozess gegen Piper Verlag
Der deutsche Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe hat in letzter Instanz den langjährigen Rechtsstreit zwischen der Berliner Übersetzerin Karin Krieger (46) und dem Piper Verlag (100) zugunsten der Übersetzerin entschieden. Piper hatte fünf von Krieger übersetzte Werke vom Markt genommen, um keine Erfolgsbeteiligungen zahlen zu müssen. Der BGH stellte jetzt klar, dass der Münchner Verlag verpflichtet ist, die Bücher zu verbreiten.
    Die renommierte Übersetzerin hatte zwischen 1995 und 1998 fünf Werke des Autors Alessandro Baricco aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt (Seide, Land aus Glas und Novecento sowie die beiden damals noch nicht erschienenen Werke Oceano Mare und Hegels Seele oder die Kühe von Wisconsin). 
    Als Krieger nach dem unerwarteten kommerziellen Erfolg des 1997 erschienenen Buches Seide die ihr nach dem Urheberrecht zustehende Erfolgsbeteiligung forderte, einigte man sich nach heftigem Streit zunächst außergerichtlich auf 1 % des Nettoladenpreises ab 30.000 Exemplare.
    Wenig später kündigte Piper jedoch an, die fünf von Krieger bereits übersetzten Bücher vom Markt zu nehmen und neu übersetzen zu lassen, was 1999 auch geschah – ein beispielloser Vorgang, der einer Bücherverbrennung gleichkommt.
    Der BGH stellte jetzt klar, dass der Verlag hinsichtlich der Verwendung einer Übersetzung grundsätzlich frei ist. Bei literarischen Werken habe der Übersetzer jedoch „ein erhebliches Interesse“ daran, dass seine Übersetzung auch tatsächlich erscheine. Aus den vertraglichen Vereinbarungen ergebe sich eine „Auswertungspflicht“ für den Verlag.
    Zu Neuauflagen sei der Verlag allerdings nicht verpflichtet. Werde ein Buch neu aufgelegt, dürfe aber nicht ohne einen „sachlich gerechtfertigten Grund“ eine andere Übersetzung verwendet werden.
    Die Folge des Urteils: Der Piper Verlag muss die von Krieger übersetzten Bücher nun wieder im Handel anbieten – parallel zu den Neuübersetzungen. 
    Die Saarbrücker Zeitung bezeichnet das Urteil als „seidenen Faden, der nicht mehr reißt“. Die Gerichtsentscheidung sei ein Grund zur Freude für Literaturübersetzer, „diese (zu Unrecht) chronisch Übersehenen“, die unter „lächerlichen Honoraren“ und einer „erpresserischen Verlagspraxis“ litten. Das Urteil werte sie nun „im Grundsatz als Autoren“ und stärke ihre Position gegenüber den Verlagen deutlich.
 
Das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 17.06.2004 trägt das Aktenzeichen „I ZR 136/01“.
[Text: Richard Schneider. Quelle: PM Bundesgerichtshof, 2004-06-17; Esslinger Zeitung, 2004-06-18; Zürcher Oberländer, 2004-06-18; Yahoo News, 2004-06-18; Saarbrücker Zeitung, 2004-06-20. Bild: Archiv, Piper.] www.uebersetzerportal.de