2004-06-23
Irak: Dolmetscher Kim Sun-il ist tot
Die Entführer unseres Kollegen Kim Sun-il (33) haben ihre Drohung wahr gemacht und den Südkoreaner enthauptet. Die Terrorgruppe Monotheismus und Dschihad schickte dem arabischen Fernsehsender Al-Dschasira ein Video, auf dem Kim Sun-il mit verbundenen Augen knieend zu sehen ist. Hinter ihm stehen schwer bewaffnete Männer. 
    Einer erklärt: „Wir haben Euch gewarnt, aber ihr habt es ignoriert. Genug der Lügen, eure Armee ist nicht um des irakischen Volkes Willen hier, sondern wegen der verfluchten Amerikaner." Nach Angaben des Fernsehsenders ist dann zu sehen, wie ein Mann der Geisel mit einem Messer den Kopf abschneidet – eine Szene, die jedoch nicht ausgestrahlt wurde. 
    Die Leiche Kim Sun-ils wurde 35 Kilometer westlich von Bagdad auf der Straße nach Falludscha von US-Soldaten entdeckt. Sie war mit einer Sprengfalle versehen, die entschärft werden konnte. Die USA griffen unmittelbar danach aus der Luft ein Haus in Falludscha westlich von Bagdad an, das der Terrorgruppe als Unterschlupf gedient haben soll. Anwohnern zufolge kamen dabei vier Menschen ums Leben. 
    In den Stunden vor Ablauf des von den Entführern gestellten Ultimatums gab es zunächst noch hoffnungsvoll stimmende Nachrichten. So hieß es, die Geiselnehmer hätten das Ultimatum auf unbestimmte Zeit verlängert. Offenbar versuchten sowohl einige im Irak tätige koreanischen Unternehmen als auch die südkoreanische Regierung, über Mittelmänner mit den Entführern zu verhandeln. Zudem warben südkoreanische Vertreter in mehreren Auftritten im arabischen Fernsehsender El Dschasira für Verständnis für den Truppeneinsatz. Ziel sei es, beim Wiederaufbau des Landes zu helfen und damit zur Befriedung des Iraks beizutragen. 
    Kim Sun-il hatte an der angesehenen Hanguk-Universität für Auslandsstudien in Südkorea als Hauptfach Arabisch belegt und beherrschte die Sprache fließend. Mit der Arbeit als Dolmetscher im Irak wollte sich der gläubige Christ das Geld für ein Aufbaustudium der Theologie verdienen. Der als religiös und zurückhaltend geltende Koreaner hatte vor, Presbyterianer-Pfarrer zu werden und einmal als Missionar in den Nahen Osten zu gehen. Der unverheiratete junge Mann war im Juni 2003 als Dolmetscher einer koreanischen Handelsfirma in den Irak gegangen. Kommenden Monat wollte er zum 70. Geburtstag seines Vaters in die Heimat zurückkehren.
    Das Medienecho auf die Entführung und Ermordung Kim Sun-ils war in Südkorea außerordentlich hoch. Das mag auch daran liegen, dass Kim als Musterbeispiel für einen unschuldigen Zivilisten gelten kann. Er gehörte nicht zu den zahlreichen Söldnern, Geschäftemachern und Glücksrittern, die nach dem offiziellen Ende des Krieges in den Irak eingefallen sind. Die Tatsache, dass er die Landessprache erlernte, lässt außerdem darauf schließen, dass er dem arabischen Kulturraum Interesse und Sympathie entgegenbrachte.
    Die südkoreanische Regierung will nun alle zivilen Staatsbürger aus dem Irak ausfliegen. Dadurch sollen neue Entführungen und Erpressungsversuche verhindert werden. Zurzeit halten sich rund 65 südkoreanische Zivilisten im Irak auf, die für 22 südkoreanische Unternehmen arbeiten. An der Entscheidung, in den kommenden Monaten weitere 3.000 Soldaten in den Irak zu entsenden, will das Land aber festhalten.


Die Entführer mit ihrem Opfer kurz vor der Hinrichtung

[Text: Richard Schneider. Quelle: Tagesspiegel,  2004-06-24; Reuters, 2004-06-23; FAZ, 2004-06-23; Asia Economy, 2004-06-22/23; Tirol, 2004-06-23. Bild: diverse.] www.uebersetzerportal.de


Südkorea trauert 
um Kim Sun-il