2004-06-26
Verlag zensiert Roman von Saddam Hussein – ohne Wissen der Übersetzerin
Saddam Hussein (66) war nicht nur ein großer Diktator, sondern auch ein großer Schriftsteller – jedenfalls in seiner Selbsteinschätzung. Fünf Bücher hat er in den letzten drei Jahren seiner Amtszeit geschrieben. Der im Jahr 2000 im Irak erschienene Roman Zabibah und der König ist als Einziger auch in deutscher Übersetzung erschienen.
    Jetzt hat sich ein Kritiker der linken Berliner tageszeitung (taz) erstmals die Mühe gemacht, Original und Übersetzung miteinander zu vergleichen. Die Ergebnisse sind verblüffend, denn der Text wurde teils gekürzt, teils ergänzt, teils uminterpretiert. 
    Militaristische und patriotische Passagen wurden entschäft, judenkritische und antisemitische Passagen getilgt oder umgedichtet (so mutiert „der Jude Schamil“ kurzerhand zum „Krämer Schamil“). Ähnliches gilt für antiamerikanische Ausfälle Husseins. Außerdem fehlen im deutschen Text einige wenig schmeichelhafte Aussagen über die Natur der Frau. 
    Andererseits sind aber auch Aspekte und ganze Szenen hinzugedichtet worden. Im Original bleibt das Verhältnis zwischen Zabibah und dem König rein platonisch und keusch – für deutsche Leser ein Unding. Denn hier ist man daran gewöhnt, dass selbst friedensnobelpreisgekrönte Bundeskanzler Entspannung bei zahlreichen Nebenfrauen suchen und eingefleischte Junggesellen noch im Rentenalter blutjunge Dinger ehelichen, um ihre Chancen auf das Bundespräsidentenamt zu erhöhen. Also wurde das Verhältnis der beiden Romanfiguren in der deutschen Fassung erotisiert und angedeutet, dass die beiden „etwas miteinander hatten“. 
    Wer ist nun der Schuldige für die Verhunzung eines für Historiker unter Umständen durchaus interessanten zeitgeschichtlichen Dokuments? Die Übersetzerin ist über jeden Verdacht erhaben und kann nachweisen, dass sie einwandfreie Arbeit geleistet hat. Der Verlag hatte sich nämlich nicht lumpen lassen und für diese Aufgabe die renommierte Dr. Doris Kilias (62) engagiert, die unter anderem seit Jahren die Werke des ägyptischen Literatur-Nobelpreisträgers Nagib Machfus für deutschsprachige Leser zugänglich macht.
    Verantwortlich für die sinnentstellenden Änderungen ist allein der Verlag. Er hat die ursprünglich originalgetreue Übersetzung von Kilias eigenmächtig und ohne Rücksprache mit ihr umgeschrieben. In der taz heißt es:
Doris Kilias [...] hat das Saddam-Buch übersetzt: „Ich habe keine Korrekturfahnen bekommen“, erklärte sie der taz. Die Unprofessionalität des Verlages, der sonst keine Belletristik herausgibt, sei ihr aber schon aufgefallen: „Die wussten nicht einmal, wie ein Vertrag aussah. Und als ich Beteiligung am Gewinn wollte, haben sie gemeint, ein Prozent ginge an die irakischen Kinder, und wenn ich mich an der Auflage beteiligen wollte, dann könnten sie nichts an die irakischen Kinder geben.“
Was sagt der Verlag zu den Vorwürfen, die Übersetzung im Namen der political correctness manipuliert zu haben?
Mit diesen Vorwürfen konfrontiert, ließ der Thomas-Bauer-Verlag verlauten, dass man kein politisches Buch, schon gar nicht ein antisemitisches Pamphlet herausgeben wollte. Daher die unvermeidlichen Kürzungen.
    Wo die Sprache nicht blumig genug ist, wird sie blumiger gemacht, wo die erwartete Erotik nicht auftaucht, muss man sie andeuten. Sogar die antisemitischen Obertöne wurden zu „subtilen“ Untertönen gemacht, um sie dem speziellen deutschen, tabubeladenen Umgang mit dem Thema anzupassen: die ausdrücklich bösartigen Juden der Originalversion werden in einen hinterlistigen, versteckt agierenden und sehr geschickten Geschäftsmann übersetzt.
    Die verfälschte „Liebesgeschichte“ Husseins ist somit untauglich, ja sogar kontraproduktiv, um sie als „Chance“ zu verstehen, in seine „Gedankenwelt einzutauchen“, wie es im deutschen Prolog des Buches heißt. Als literarisches Werk langweilig und ziemlich uninteressant, verliert es somit seinen einzig denkbaren Wert – den eines zeitgeschichtlichen Dokuments.
Den vollständigen Artikel von Ariel Magnus können Sie in der taz. lesen.
 
Saddam Hussein: Zabibah und der König. Eine Liebesgeschichte. TBV Thomas Bauer Verlag, 2004. 208 Seiten, 18,90 Euro, ISBN 3-936440-56-5.
[Text: Richard Schneider. Quelle: taz, 2004-06-14; Unionsverlag, Spiegel. Bild: TBV.] www.uebersetzerportal.de