2004-06-30
Konstantinopel, 567 n. Chr.: Kaiser Iustinus II. schiebt Schuld für Streit mit Persern auf Dolmetscher
Politiker schieben gern den Dolmetschern die Schuld in die Schuhe, wenn es bei internationalen Verhandlungen zu Differenzen und Missverständnissen kommt. Dass dieses beliebte Spiel keine Erfindung der Neuzeit ist, zeigt ein Fall aus der Spätantike, den Claudia Wiotte-Franz in ihrer lesenswerten Dissertation Hermeneus und Interpres Zum Dolmetscherwesen in der Antike beschreibt:
    Im Jahr 567 n. Chr. reisten eine persische und eine sarazenische Gesandtschaft unter der Leitung von Mebodes, der im Auftrag des persischen Königs Chosroes I. handelte, nach Konstantinopel. Dort wollten sie mit dem Kaiser des oströmischen Reiches (Byzanz), Iustinus II., über die Suanenfrage verhandeln. Zwischen Konstantinopel und Persien (Sassanidenreich) herrschten seit geraumer Zeit Unstimmigkeiten.
    Mebodes wurde nach längerer Wartezeit vorgelassen, aber es konnte keine Einigung erzielt werden. In einer zweiten Audienz traten tief greifende Differenzen zutage und es kam zu Auseinandersetzungen zwischen Mebodes und dem Kaiser.
    Schließlich versuchte Mebodes, sich für den Streit zu entschuldigen. Der Kaiser, der die Situation nicht eskalieren lassen wollte, nahm die Entschuldigung an und schob die Schuld auf den Dolmetscher, der angeblich einiges falsch gedolmetscht hatte. 
    Dadurch war die Situation gerettet und beide Seiten konnten ihr Gesicht wahren. Zu einer einvernehmlichen Klärung der Streitfragen kam es allerdings nicht mehr. Die persische Gesandtschaft reiste ergebnislos wieder ab.
    Der Name des Dolmetschers mit den Arbeitssprachen Latein, Griechisch und Persisch ist nicht überliefert. Fest steht jedoch, dass es sich um einen Berufsdolmetscher des diplomatischen Dienstes am Hof des Kaisers handelte. Dass dieser Profi tatsächlich schlechte Arbeit geleistet hat, ist somit eher unwahrscheinlich.
    Eine Fülle weiterer Beispiele zu diesem Thema liefert unser Dossier Schuld ist immer der Dolmetscher.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Claudia Wiotte-Franz: Hermeneus und Interpres zum Dolmetscherwesen in der Antike. Saarbrücken: Saarbrücker Druckerei und Verlag, 2001. S. 130, 275.] www.uebersetzerportal.de

Iustinus II. auf einer zeitgenössischen Münze