2004-08-06
Putschversuch im Sommerloch: Springer und Spiegel wollen zur veralteten Rechtschreibung zurückkehren
Der erzkonservative Axel-Springer-Verlag und der früher fortschrittlich gesinnte Spiegel-Verlag haben heute in einer gemeinsamen Erklärung bekannt gegeben, in ihren Blättern zur veralteten Rechtschreibung von Anno 1998 zurückzukehren. Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Dr. Mathias Döpfner (41), und Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust (58) riefen andere Medienunternehmen und Nachrichtenagenturen auf, sich ihnen anzuschließen.
    Der Coup geht auf die Initiative des studierten Germanisten Döpfner zurück und wurde von ihm monatelang im Verborgenen vorangetrieben. Der Focus berichtet von einem konspirativen Treffen der Verschwörer im Spiegel-Hochhaus in Hamburg, an dem Döpfner, Aust und FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher teilnahmen. Ziel war, ein möglichst breites Bündnis gegen die Reform zu schmieden. Allerdings gelang es Döpfner nur, seinen Ski-Urlaubs-Kumpel Aust als Koalitionär zu gewinnen. Focus-Chefredakteur Helmut Markwort, dem eine weitere Schlüsselrolle zugedacht war, winkte entschieden ab: „Deutschland hat derzeit wichtigere Probleme.“ Die Süddeutsche Zeitung weiß noch nicht, ob sie sich den Aufständischen anschließen soll, sie will im Oktober darüber entscheiden.
    Zumindest zwei Ministerpräsidenten – Christian Wulff (CDU, Niedersachsen) und Peter Müller (CDU, Saarland) waren nach dpa-Informationen seit langem in Details der Aktion eingeweiht. Vor allem Springers Bild hatte den beiden Politikern in den vergangenen Wochen breiten Raum eingeräumt. Nachdem die Kultusministerkonferenz das Thema Rechtschreibreform auf Antrag des Saarlands (wo in wenigen Wochen Landtagswahlen anstehen) für Oktober wieder auf die Tagesordnung gesetzt hatte, sah Bild die Reform schon so gut wie gescheitert. Inzwischen stellt die Boulevardzeitung sogar das nackte Weib von Seite 1 in den Dienst der Kampagne. Dieses fragt sich laut Bildunterschrift: „Wie schreib ich bloß Marsch blasen?“
    Die beiden Ministerpräsidenten lobten verabredungsgemäß den Vorstoß von Springer und Spiegel und wurden dafür wiederum von den Springer- und Spiegel-Blättern gelobt.
    Konkrete Pläne zur Wiedereinführung der veralteten Rechtschreibung scheinen bei Springer und Spiegel aber nicht zu existieren. Wahrscheinlich will man erst einmal abwarten, wer noch alles umfällt. Bei Springer heißt es lediglich, man wolle die Rolle rückwärts „schnellstmöglich“ vollziehen. 
    Die Springer- (u.a. Bild, B.Z., Berliner Morgenpost, Hörzu, Hamburger Abendblatt, Welt) und Spiegel-Blätter (Spiegel, manager magazin, Harvard Business Manager) erscheinen seit fünf Jahren in neuer Rechtschreibung. Bislang hatten sich lediglich die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung, die oft als rechte taz bezeichnete Junge Freiheit und die Wochenschrift der Republikaner, Der Republikaner, als reformunfähig erwiesen. Die FAZ war zunächst in neuer Rechtschreibung erschienen, drehte dann aber nach wenigen Monaten das Rad der Geschichte wieder zurück.
[Text: Richard Schneider. Bild: Pressestellen Springer, Spiegel.] www.uebersetzerportal.de

Mathias Döpfner


Stefan Aust