2004-08-13
Springer-Spiegel-Coup gescheitert? Mehrheit der Verleger, Chefredakteure und Kultuspolitiker lehnt Rückkehr zur veralteten Rechtschreibung ab
Der Ankündigung von Springer- und Spiegel-Verlag, irgendwann in der nächsten Zeit wieder zur veralteten Rechtschreibung zurückzukehren, ist bei anderen Verlagen und in der Politik überwiegend auf Unverständnis und Ablehnung gestoßen. 
    Viele Redaktionen fühlen sich offenbar von der Kampagne überfahren: „Ich lasse mir doch nicht von Herrn Döpfner und Herrn Aust vorschreiben, wie unser Blatt auszusehen hat", schimpfte ein Chefredakteur gegenüber der taz. Kritisiert wird allgemein auch, dass Springer und Spiegel genau die Führungskraft in Sachen Reform vermissen lassen, die sie von Politikern immer fordern. Stattdessen beugen sie sich wie schlechte Politiker aus Populismus dem Kulturkonservativismus. 
    Focus-Chefredakteur Helmut Markwort übt scharfe Kritik an der Springer-Spiegel-Kampagne gegen die Rechtschreibreform. Im Gespräch mit der Netzeitung nennt er sie einen „bedeutenden Beitrag zur Verwirrung und zum Chaos“. Markwort weiter: „Ich habe wenig Verständnis dafür. Ich sehe sogar, wenn ich die Bild-Zeitung ansehe, einen Missbrauch von Medienmacht. Ich beobachte voller Sorge die Kampagne bei einigen dieser Blätter. Die Süddeutsche ist fair und korrekt und lässt auch die zu Wort kommen, die anderer Meinung sind. Aber bei Bild gibt es in der Berichterstattung keine Gegenposition. Der Leser erfährt überhaupt nicht – in Welt und FAZ kaum – dass so große Verlage wie Gruner+Jahr, Holtzbrinck mit Zeit, Tagesspiegel und auch viele Regionalzeitungen, Burda mit Focus, Bunte und allen anderen weiter so schreiben, wie bisher. Das halte ich für eine problematische journalistische Methode.“ Markwort weist darauf hin, dass von der Reform nur zwei Prozent des Wortschatzes betroffen sind: „Das war eine sehr schüchterne Reform.“
    Bei Gruner & Jahr, Europas größtem Zeitschriftenverlag, haben sich die Chefredakteure der einzelnen Publikationen mehrheitlich gegen eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung ausgesprochen. Das gilt auch für die Financial Times, ein Joint Venture von G+J und der britischen Verlagsgruppe Pearson. 
    Die tageszeitung (taz) wird sich der Initiative von Springer und Spiegel „auf keinen Fall“ anschließen. Der stellvertretende Chefredakteur Peter Unfried erklärt: „Der Inhalt ist wichtiger als die Art und Weise, wie etwas geschrieben wird.“ Die Zeitung will die Reform sogar weiter vorantreiben und in den nächsten Tagen eine komplette Ausgabe in Kleinschreibung herausgeben. Die taz ermuntert augenzwinkernd andere Verlage, diesem Beispiel zu folgen.
    Auch die Hannoversche Allgemeine Zeitung wird bei der neuen Rechtschreibung bleiben. 
    Die Intendanten der ARD-Rundfunk- und Fernsehsender stellten in einer Schaltkonferenz fest, es gebe für sie derzeit keine Veranlassung, von der reformierten Rechtschreibung abzuweichen. Auch das ZDF will die neue Rechtschreibung beibehalten.
    Von entscheidender Bedeutung dürfte jetzt das Verhalten der Nachrichtenagenturen sein, deren Meldungen von den meisten Medien unverändert übernommen werden. Sie schreiben zurzeit nach einer gemeinsam beschlossenen abgemilderten Version der neuen Rechtschreibung. 
    Als „Sommerlochdiskussion“ bezeichnet der Geschäftsführer der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung, Klaus Heller, die Debatte. Die Leidtragenden seien die 15 Millionen Schüler, die die neuen Regeln bereits gelernt haben. Er glaube nicht, dass die Politik dem Druck der Reformgegner nachgeben werde.
    Die baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan (CDU) bekräftigt ihren Glauben an die Durchsetzung der Rechtschreibreform. Unter den Ministerpräsidenten sehe sie keine Mehrheit für eine vollständige Rücknahme der einstimmig beschlossenen Reform.
    Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder hat sich gegen eine Rücknahme der Rechtschreibreform ausgesprochen: „Es gibt seitens der Bundesregierung keine Überlegungen, die Rechtschreibreform rückgängig zu machen.“
    Alle SPD-geführten Länder wollen ebenfalls an der Reform festhalten. Der Vorstoß der beiden Verlage hat nach Ansicht des rheinland-pfälzischen Regierungschefs Kurt Beck „viel mit Kampagne und Public Relations, aber wenig mit Inhalt zu tun“. 
    Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Doris Ahnen (SPD), will zur Wahrung einer bundesweit einheitlichen Rechtschreibung an der Reform festhalten. 
    Jutta Limbach, Präsidentin des Goethe-Instituts, erklärt: „Aus der Sicht der Deutschschüler des Goethe-Instituts gibt es seit Einführung des neuen Regelwerkes keine Anhaltspunkte, die besondere Schwierigkeiten im Gebrauch belegen.“ Die Initiative von Springer und Spiegel bezeichnet sie als „Widerstand nach Ladenschluss“. Warum komme dieser erst nach fünf Jahren? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sei wesentlich konsequenter von Anfang an bei der alten Schreibweise geblieben.
    Als eine gefährliche „Angelegenheit des Sommerlochs“ kritisiert die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) den Schritt der beiden Zeitungsverlage.
    In den anderen deutschsprachigen Ländern wird die „typisch deutsche“ und geradezu fundamentalistische Diskussion überwiegend verständnislos und teils mit einem gewissen Amüsement über die Angst der Deutschen vor Reformen verfolgt. Der österreichische Bundeskanzler Schüssel erklärt, dass Österreich bei der Neuregelung bleiben werde. Schließlich sei die reformierte Rechtschreibung in Österreich längst geltendes Recht und stehe in sämtlichen Lehrplänen. Auch Vizekanzler Hubert Gorbach (FPÖ) ist dafür, bei der neuen Rechtschreibung zu bleiben.
    Alle bedeutenden überregionalen und Wiener Tageszeitungen sowie Rundfunk und Fernsehen (ORF) haben angekündigt, bei der Rechtschreibreform zu bleiben. Die linksliberale Tageszeitung Der Standard schreibt: „Die Reform hat uns einige Saisons der Anarchie beschert, die nun durch den Vorstoß von 'Bild' und 'Spiegel' (oder ist es ein Rückstoß?) verlängert wird. Seltsam: Gerade diese zwei zügellosen Organe des Zeitgeistes, bisher sprach-verspielt und innovativ, werden zu Thürhüthern der Gegenreformation.“ Lediglich die Kronen-Zeitung macht Stimmung gegen die Reform, versichert aber gleichzeitig, sich zähneknirschend weiter an die Neuerungen zu halten. Chefredakteur Michael Kuhn: „Wir wollen die Kinder nicht mit einer anderen Rechtschreibung verunsichern als der, die sie in der Schule lernen.“
    Othon Neuens, beigeordneter Inspektor des luxemburgischen Bildungsministeriums erklärt, dass die neue deutsche Rechtschreibung gut von Lehrern und Schülern akzeptiert werde – und zwar gerade durch ihre Vereinfachungen. Leider habe man als ein nicht-deutschsprachiges Land keine Möglichkeit mitzuentscheiden, in welche Richtung es nun weitergehe. Auf jeden Fall würde man es begrüßen, wenn die aktuelle Reform Bestand hätte.
    Auch die großen Schweizer Verlage wollen dem Aufruf von Springer und Spiegel nicht folgen. Sie sehen keinen Handlungsbedarf in dieser Hinsicht, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur AP ergab. Die Reform sei bei den Deutschschweizer Zeitungen ohnehin nicht einheitlich durchgesetzt worden. „Unsere Zeitungen und Magazine sind schon bisher nicht einfach nach der neuen Rechtschreibung gegangen“, so Myrta Bugini, Sprecherin des größten Schweizer Medienverlag Ringier (Blick). 
    Laut Chefkorrektor Stephan Dove von der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) hat sich die Zeitung der Reform erst im Mai 2000 auf sehr zurückhaltende Weise angepasst, vor allem bei der Getrennt- und der Zusammenschreibung. Die NZZ am Sonntag schreibt: „Eine flächendeckende Rückkehr zum alten Regime dürfte sich als ein aussichtsloses Unterfangen erweisen, so populär diese Forderung auch erscheinen mag.“ Denn in den Schulen werde seit geraumer Zeit nach den neuen Regeln unterrichtet. 
    Auch der Zürcher Tages-Anzeiger sieht keinen Grund, dem Aufruf von Döpfner und Aust Folge zu leisten. Chef vom Dienst Thomas Rüst sagt, die Zeitung habe die Reform ohne Schwierigkeiten umgesetzt, aber einzelne eigene Regeln beibehalten.
    Viele eidgenössische Kommentatoren vermuten hinter der polemischen Debatte in Deutschland einen „Stellvertreterkrieg“ wegen des desaströsen Zustands der Regierung Schröder, „Wahlkalkül“ (zum Beispiel im Saarland) oder einen „Mediencoup“ von Springer und Spiegel. Der Feuilletonist Siegfried Schibli bezichtigt die Schriftsteller einer muffigen Reformfeindlichkeit, die nicht kaschieren könne, dass den meisten Intellektuellen deutscher Zunge zu den wirklich brennenden Zeitfragen schlicht nichts mehr einfalle.
    Ungeachtet des orthografischen Sommertheaters erscheint am 28. August die nächste Auflage des Dudens – in neuer Rechtschreibung. „Wir orientieren uns an den Kultusministern und nicht an Bild oder Spiegel“, so Verlagssprecher Klaus Holoch.

Link zum Thema
2004-08-06 Putschversuch im Sommerloch: Springer und Spiegel wollen zur veralteten Rechtschreibung zurückkehren
[Text: Richard Schneider. www.uebersetzerportal.de]


Doris Ahnen


Jutta Limbach


Gerhard Schröder ärgert sich über die reformunfähigen Verlage Springer und Spiegel
 

Klaus Heller