2004-09-03
Prozess gegen tschetschenische Bande: Sprachmittler verweigern Mitarbeit. Polizei muss Dolmetscher zwangsweise vorführen
Das Bonner Landgericht hat vorgestern einen 24-jährigen Tschetschenen wegen Beihilfe zum erpresserischen Menschenraub zu fünf Jahren Haft verurteilt. Er hatte sein Auto zwei noch flüchtigen Komplizen für eine Entführung zur Verfügung gestellt, bei der das Trio von einem in Troisdorf lebenden Kasachen 10.000 Euro Lösegeld erpresste.
    Es war nicht einfach, den Prozess zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, denn die Suche nach einem Tschetschenisch-Dolmetscher gestaltete sich überaus schwierig. 
    Die zunächst angesprochene Tschetschenisch-Dolmetscherin behauptete plötzlich, kein Tschetschenisch zu verstehen. Ein zweiter Sprachmittler dolmetschte laut Gericht nachweislich ausweichend und sinnentstellend, so dass auf seine weitere Mitarbeit verzichtet wurde. Schließlich wurde ein dritter Kollege beauftragt, mitgeschnittene Telefongespräche zu übersetzen. Der Mann zog es jedoch vor, zum vereinbarten Termin nicht zu erscheinen und zu Hause zu bleiben. Das Gericht sah dann keine andere Möglichkeit mehr, als den Dolmetscher durch die Polizei vorführen zu lassen und so zur Arbeit zu zwingen.
    Dass Gerichtsdolmetscher von Angeklagten unter Druck gesetzt werden (oder sich ohne deren Zutun bedroht fühlen), kommt regelmäßig vor – vor allem bei Prozessen gegen die organisierte Kriminalität oder Terroristen. Das Übersetzerportal hat dafür schon mehrere Beispiele gesammelt. 
    In den Übersetzerverbänden war diese Art von „Berufsrisiko“ unseres Wissens noch nie ein Thema; vielleicht deshalb, weil es meist nur „kleinere“ Sprachen wie Albanisch, Kurdisch oder Tschetschenisch betrifft. Jedenfalls ist es kein Wunder, dass sich die betroffenen Kolleginnen und Kollegen im Stich gelassen fühlen und im Ernstfall lieber die eigene Haut retten statt der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen.

[Text: Richard Schneider.  www.uebersetzerportal.de]