2004-09-04
50 Jahre VdÜ – Literaturübersetzer feiern in Wolfenbüttel
Vier Tage lang werden die im VdÜ organisierten Literaturübersetzer kommende Woche die Residenzstadt Wolfenbüttel bei Braunschweig unsicher machen. Anlass ist das Jubiläum „50 Jahre VdÜ“, das der Verband mit Vorträgen, Workshops und Podiumsgesprächen begeht. 
    Und die Stadt Wolfenbüttel zieht mit: Sie nutzt die Gelegenheit, um ihren Bürgern mit einem Lesefest („Die Welt zu Gast in Wolfenbüttel“) Literatur näher zu bringen. Zehn in der Innenstadt eingerichtete „Schreibpavillons“ sollen bisher passive Literaturkonsumenten zum Schreiben anregen. Selbst das Herbstfest Ende September steht unter dem Motto „Wolfenbüttel is(s)t Weltliteratur“. Versprochen werden „kulinarische Literaturerlebnisse“. 
    Gabriele Gockel und Thomas Wollermann von der VdÜ-Pressestelle beschreiben nachfolgend, wie 1954 alles begann:

Vor 50 Jahren gründeten die Literaturübersetzer ihre Berufsorganisation. Über 1000 Mitglieder zählt der Verband deutschsprachiger Übersetzer heute. In Wolfenbüttel wird vieles gefeiert werden, was in dieser Zeit entstanden ist.
    Der Hunger nach Weltliteratur war nach dem Krieg bekanntlich groß. Außer Enthusiasmus und Wörterbüchern hatten die Übersetzer jedoch nichts, um ihn zu stillen. Das war auf Dauer zu wenig, um dem Anspruch an die Qualität der eigenen Arbeit gerecht zu werden, aber auch zu wenig, um sich mit Ansprüchen zu Wort zu melden. Die kleine Gruppe um den Autor und Übersetzer Rolf Italiaander, die am 23. August 1954 den VdÜ aus der Taufe hob, bot zunächst den übersetzenden Autoren im damaligen Schriftstellerverband eine Plattform. Aus ihr entwickelte sich die Infrastruktur einer zunehmend eigenständigen Profession. 
    In den sechziger Jahren intensivieren sich Austausch, Zusammenarbeit und Fortbildung, angesichts ständig neuer Herausforderungen und des Wandels der Sprache Grundpfeiler der Verbandsaktivitäten. 1964 erscheint erstmals die Zeitschrift Der Übersetzer, damals die weltweit einzige Monatszeitschrift der Übersetzer (und natürlich auch der Übersetzerinnen, weshalb sie 1997 politisch korrekt in Übersetzen umbenannt wurde). 1968 findet das „Esslinger Gespräch“ statt, eine Mischung aus Workshops, Vorträgen zu Übersetzungsfragen und dem Treffen eines deutschen Autors mit seinen Übersetzern. Das erfolgreiche Konzept wird als „Jahrestagung“ zur Institution. Nach Bergneustadt und Bensberg wird die Jahrestagung im Jubiläumsjahr nun erstmals in Wolfenbüttel stattfinden.
    Von Anfang an geht es auch um die Honorarsituation. Schon die Gründungsversammlung beauftragt den Vorstand, „Musterverträge“ auszuarbeiten. 1969 entscheiden sich die Übersetzer gemeinsam mit den Schriftstellern für den Eintritt in die Gewerkschaft, damals die IG Druck und Papier, mittlerweile ver.di. Es folgen Verhandlungen mit dem Börsenverein des deutschen Buchhandels über einen „Normvertrag“, die 1982 zu einem ersten Abschluss führen.
    In den folgenden Jahren und Jahrzehnten entstehen in vielen Städten regelmäßige Übersetzertreffen. 1978 wird auf Initiative des Beckett-Übersetzers Elmar Tophoven und mit dem Engagement des VdÜ-Vorstands das Europäische Übersetzerkollegium in Straelen gegründet. Klaus Birkenhauer, langjähriger Vorsitzender des VdÜ, leitet das Kollegium von 1985 bis zu seinem Tod im Jahr 2001. Der Freundeskreis zur internationalen Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen wirbt in zäher Lobbyarbeit die Finanzierung renommierter Preise ein (Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis, Wieland-Übersetzerpreis). Auf das Engagement von Rosemarie Tietze geht die Gründung des Deutschen Übersetzerfonds im Jahr 1997 zurück, der Stipendien für Übersetzungsprojekte vergibt – übrigens mit der Maßgabe, dass diese von den Verlagen zunächst ordentlich honoriert werden.
    Und das ist nur ein Ausschnitt aus dem in 50 Jahren gewachsenen Netzwerk, in dem das Übersetzen von Literatur heute stattfindet. So redet der VdÜ auch in der Verwertungsgesellschaft Wort sowie zahlreichen deutschen und internationalen Literatur- und Übersetzerorganisationen sein Wörtchen mit.
    Die Wiedervereinigung beschert dem VdÜ 80 neue Mitglieder. Wie schon zu Zeiten der DDR leisten die aktiven Übersetzerinnen und Übersetzer in den neuen Bundesländern hervorragende Kulturarbeit. Ein Beispiel ist „Die Fähre – Sächsischer Verein zur Förderung literarischer Übersetzung“.
    Ein weiterer Meilenstein wird das Jahr 2002, als der Bundestag das „Gesetz zur Stärkung der vertraglichen Stellung von Urhebern und ausübenden Künstlern“ verabschiedet. In vorderster Reihe hatte sich der VdÜ – gemeinsam mit den Schriftstellern, zahlreichen anderen Urheberverbänden und der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di im Rücken – für die Durchsetzung des neuen Urhebervertragsrechts engagiert. Es verbessert die rechtlichen Rahmenbedingungen der Übersetzertätigkeit und verspricht endlich eine angemessene Vergütung für das Übersetzen von Literatur. Dies wird allerdings erst durch den Abschluss gemeinsamer Vergütungsregeln mit den Verlegern Wirklichkeit werden. Und die sperren sich bislang weitgehend. 
    So steht bei aller Freude über das Viele, das in 50 Jahren erreicht wurde, eines noch immer aus: eine Bezahlung, die der anspruchsvollen Aufgabe gerecht wird, dem deutschen Leser den Zugang zur Weltliteratur zu eröffnen.
    „Die Arbeit der Übersetzerinnen und Übersetzer ist gerade in den letzten Jahren im öffentlichen Bewusstsein viel stärker wahrgenommen worden, und das freut uns“, sagt Helga Pfetsch, die erste Vorsitzende des VdÜ. „Wenn dem nun auch angemessene Honorare folgten, wären wir sehr zufrieden.“
 
50 Jahre VdÜ
Jubiläumstagung in Wolfenbüttel
9. bis 12. September 2004

Programm

Donnerstag, 9. September

  • Ab 15 Uhr: Empfang und Anmeldung
  • 18.00 Uhr: Begrüßung durch Helga Pfetsch, Grußwort von Bürgermeister Wolfenbüttel, Björn Reckewell, Leiter Stadtmarketing Wolfenbüttel. 
  • Anschließend  Podiumsgespräch: „Wie wir wurden, was wir sind.“ Ein Gespräch über 50 Jahre VdÜ mit Ursula Brackmann, Werner Peterich, Rosemarie Tietze, Burkhart Kroeber und Andreas Tretner. Moderation: Helga Pfetsch und Nathalie Mälzer-Semlinger
  • 20.30 Uhr: Abendessen (Büfett)
Freitag, 10. September
  • 9.30-12.30 Uhr: Workshops A-1 bis A-8

  • A-1 Russisch mit Gabriele Leupold
    A-2 Gallizismen mit Sigrid Vagt
    A-3 Sachbuch Englisch mit Brigitte Döbert
    A-4 Jugendsprache mit Ingo Herzke
    A-5 „Unübersetzbares“ mit Burkhart Kroeber
    A-6 Übersetzungstheorie mit Christiane Buchner
    A-7 Übers Duzen und Siezen mit Thomas Gunkel
    A-8 Gutachten schreiben mit Bärbel Flad
  • 13.00 Uhr: Mittagessen
  • 15.30-18.30 Uhr: Workshops B-1 bis B-8

  • B-1 Australische Literatur und ihre Eigenarten mit Karen Nölle-Fischer
    B-2 Arabisch mit Hartmut Fähndrich
    B-3 Niederländisch mit Gregor Seferens
    B-4 Edelkitsch! mit Thomas Brovot
    B-5 Historischer Roman mit Cornelia Holfelder-von der Tann
    B-6 Kleine Waffenkunde mit Polizeihauptkommissar Mario Hahnemann
    B-7 Übersetzen am Mac mit Jochen Schwarzer
    B-8 Vom Umgang mit Lektoren mit Frank Heibert
  • 20.00 Uhr: Filmvorführung: „Spurwechsel“ (öffentliche Veranstaltung). Die FilmemacherInnen sind anwesend und diskutieren mit dem Publikum
  • Anschließend Erkundung des Wolfenbüttler Kneipenlebens
Samstag, 11. September
  • 10.30-12.30 Uhr: Stadtführungen
  • 10.00 Uhr: Treffpunkt Italienischgruppe: Planung einer italienisch-deutschen Werkstatt für Literaturübersetzer
  • 14.30-17.00 Uhr: Lesefest: Die Welt zu Gast in Wolfenbüttel
  • 18.00 Uhr: Festakt zum 50. Jahrestag des VdÜ (öffentliche Veranstaltung). Festredner: Christina Weiss, Staatsministerin für Kultur und Medien (angefragt), Fred Breinersdorfer, Vorsitzender Verband deutscher Schriftsteller, Weitergabe des Hieronymusrings durch Hanns Grössel an Elisabeth Edl, Verleihung des Helmut-M.-Braem-Preises an N.N., Musik: Frank Heibert
  • 21.00 Uhr: Festessen und Party, Eröffnungsrede, festliches Büffet, anschließend Tanz mit DJ
Sonntag, 12. September
  • 10.00 Uhr: Der Autor trifft seine Übersetzerinnen (öffentliche Veranstaltung). Michael Kumpfmüller mit „Hampels Fluchten“, Anthea Bell (Übersetzerin ins Englische), Gerda Meijrink (Übersetzerin ins Niederländische), Bernhard Robben (Moderation)
  • 13.00 Uhr: Mittagessen
  • Ende der Tagung

Ausführliche Informationen zum VdÜ und zum Programm der Jubiläumstagung finden Sie auf der Website des VdÜ unter www.literaturuebersetzer.de.


Wolfenbüttel: links das Schloss, rechts das Lessinghaus

[Text: Gabriele Gockel und Thomas Wollermann, VdÜ-Pressestelle, 2004-09-02. Bild: VdÜ, Stadtmarketing Wolfenbüttel. www.uebersetzerportal.de]


VdÜ-Chefin Helga Pfetsch