2004-10-03
Springer-Zeitungen erscheinen ab heute in veralteter Rechtschreibung
Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Dr. Mathias Döpfner (41), ein studierter Germanist, hat seine Ankündigung von Anfang August tatsächlich verlagsweit durchgeboxt. Heute, am Tag der deutschen Einheit, kehrte die Bild am Sonntag zur veralteten Rechtschreibung aus dem letzten Jahrtausend zurück. Morgen folgen Bild, Die Welt, Hamburger Abendblatt, Berliner Morgenpost und B.Z. Jahrelang hatten die Blätter die Empfehlungen der Rechtschreibreform von 1998 problemlos umgesetzt, jetzt folgte die Rolle rückwärts. 
    Unklar ist, ob und wann die Zeitschriften des Verlags folgen werden. Darunter befinden sich auch Jugendblätter wie Yam und Mädchen. Bei den pickeligen Pennälern, die praktisch nur die neue Rechtschreibung kennen, dürfte Springer mit seiner altertümlichen Schreibweise nicht gerade besonders cool rüberkommen.  
    Die Springer-Zeitungen begeben sich mit der Umstellung in ein Lager, in dem Nationalzeitung, Deutsche Stimme, Der Republikaner und Junge Freiheit immer schon verharrten und in das die FAZ nach einem kurzen Reformintermezzo wieder zurückgekehrt ist.
    Dem Versuch, damit eine sinnvolle und überaus behutsame Reform auszuhebeln, werden allgemein wenig Chancen eingeräumt. Schulen, Behörden, weit über 90 Prozent aller Zeitungen und Zeitschriften, sämtliche Fernsehsender sowie das gesamte deutschsprachige Ausland haben bereits angekündigt, weiterhin die neue Schreibweise zu pflegen. 
    Durch die Springer-Entscheidung wird die Einheitlichkeit der Rechtschreibung in Deutschland vorübergehend zerstört bis in einigen Jahren die Betonköpfe abdanken und Redakteure ans Ruder kommen, die mit der neuen Rechtschreibung in Schule und Ausbildung aufgewachsen sind.
    Fatal ist auch, dass man künftig an der Schreibweise bereits die Gesinnung eines Menschen erkennen kann. Wer die alte benutzt, ist entweder rechtsradikal, konservativ, alt oder einfach nur faul und lernunwillig alles nicht gerade schmeichelhafte Attribute.
    Das Übersetzerportal hat die Reform von Anfang an begrüßt und wird die bewährte neue Rechtschreibung beibehalten. Das Affentheater der Reformgegner verfolgen wir aber mit nicht nachlassendem Amüsement und werden unsere Leser weiterhin auf dem Laufenden halten.

Links zum Thema
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2004-08-06 Putschversuch im Sommerloch: Springer und Spiegel wollen zur veralteten Rechtschreibung zurückkehren
[Text: Richard Schneider. Bild: Springer Verlag. www.uebersetzerportal.de]


Mathias Döpfner