2004-11-06
„Wie Militärpiloten: kurze Einsätze, volle Konzentration.“ – Die Dolmetscher im Berner Bundeshaus
Im Internet ist bei youthguide.ch ein Artikel über die Dolmetscher im Berner Bundeshaus erschienen. In dem Gebäude haben die Schweizer Regierung (Bundesrat) und das Parlament (Bundesversammlung) ihren Sitz. Es werden drei Kabinen für die Sprachen Deutsch, Französisch und Italienisch betrieben. 
    Wir lesen, dass die Dolmetscher sich ungefähr alle halbe Stunde abwechseln und nach einem Arbeitstag „kaputt“ sind. Vom Inhalt der Reden wüssten sie abends meist nichts mehr. Der Dolmetscherberuf werde deshalb häufig mit dem eines Militärpiloten verglichen: „kurze Einsätze, volle Konzentration“. Gefordert sei ein umfassendes Wissen, „allerdings nur oberflächlich“. Neben einer guten Vorbereitung komme es auf Improvisationstalent an. Über die Dolmetscherin Yve Delaquis heißt es:
Yve scheint stolz zu sein auf ihre Ausbildung, und sie schaut auch ein wenig herab auf diejenigen, die nur die Ausbildung als Übersetzer gemacht haben. [...] Die Ausbildung für Übersetzer dauert drei Jahre, von 30 Schülern machen vielleicht fünf weiter zum Dolmetscher. Die Dolmetscherausbildung dauert weitere drei Jahre.
Yve Delaquis, die seit 13 Jahren für eine reibungslose sprachliche Verständigung im Bundeshaus sorgt, weist gegenüber dem Übersetzerportal darauf hin, dass die (sehr junge) Redaktorin von youthguide.ch doch einige Dinge stark vereinfacht, übertrieben und dadurch falsch dargestellt habe. „Ich habe nie auf Übersetzer herabgeschaut, kaputt sind wir nicht nach jedem Einsatz und vom Inhalt wissen wir abends noch recht viel“, so Delaquis.
    Der privatwirtschaftliche Arbeitsmarkt für Simultandolmetscher ist offenbar auch in der Schweiz in den letzten Jahren geschrumpft: 
Früher gab es für einen Dolmetscher ungefähr acht Konferenzen pro Monat, jetzt vielleicht noch vier. Die meisten Organisatoren versuchen sich aus Spargründen mit den Arbeitssprachen Englisch und Französisch durchzuschlagen oder sie geben sich mit schlecht ausgebildeten Dolmetschern zufrieden, deren Qualität nicht an einen Hochschulabsolvent-Dolmetscher herankommt.
Diesen Aspekt betont Delaquis auch gegenüber dem Übersetzerportal: „Leider schätzen Kunden die Dienstleistungen vom Profilinguisten, sei es im schriftlichen oder im mündlichen Bereich, immer weniger. Jeder ,kann doch' etwas Englisch heute, das genügt allemal, von unseren Tarifen, welche ständig beanstandet werden, gar nicht zu sprechen.“
    Den youthguide-Artikel, der auch zwei Fotos von Dolmetschern bei der Arbeit enthält, können Sie bei www.youthguide.ch lesen. Die Website von Yve Delaquis finden Sie unter www.caralingua.com.
[Text: Richard Schneider. Quelle: youthguide.ch, 2004-11-06. Bild: Delaquis, Archiv. www.uebersetzerportal.de]

Yve Delaquis


Das Bundeshaus in Bern