2004-11-28
„Georgisch ist doch ein Dialekt des Russischen.“ – „Aber nein“, sagt die Dolmetscherin. Irena Breznás Beobachtungen bei Polizei und Gericht
Irena Brezná hat in Freitag, der „Ost-West-Wochenzeitung“, zwei Kurzgeschichten veröffentlicht. Darin geht es in erster Linie um Kleinkriminelle aus Osteuropa „im Fangnetz des helvetischen Gesetzes“. Aber auch die Gerichtsdolmetscherinnen spielen eine wichtige Rolle. Einige Auszüge:
Die Gerichtsdolmetscherin kommt gerade an, als der lange Polizeiwagen mit verdunkelten Fenstern in den Hof einfährt. [...] der Polizist erscheint, gut aufgelegt. Sie lächelt ihn angestrengt an: "Was ist es für ein Fall?" – "Ein Georgier, organisiertes Verbrechen. Solche Burschen kriegen wir zur Genüge. Sie behaupten, sie können kein Russisch. Aber das nehmen wir ihnen nicht ab. Georgisch ist doch ein Dialekt des Russischen." – "Aber nein." Die Dolmetscherin macht eine steinerne Miene. Der Polizist zündet sich eine Zigarette an. [...]
    Die Dolmetscherin schmückt seine Rede [die des Angeklagten] aus, fügt "verehrtes Gericht" und "ganze Schweiz" hinzu, beim "Ehrenwort" stolpert ihre Stimme vor Rührung. Für die Männer, den Polizisten inbegriffen, der bewaffnet vor der Tür sitzt, klingt die Reueerklärung peinlich, das Pathos weckt Misstrauen, es wird mit Unberechenbarkeit assoziiert. [...]
    Die Dolmetscherin überschreitet ihre Rolle und verlangt, dass der [drogensüchtige] Angeklagte im Gefängnis medizinisch betreut werde. Der Richter ist überrascht, verzieht den Mundwinkel nach unten und willigt ein. 
Die Kurzgeschichten können Sie in Freitag in voller Länge lesen. (Externer Link. Möglicherweise nicht mehr gültig.) Die Slawistin, Psychologin, Publizistin und Autorin Irena Brezná, geboren 1950 in Bratislava, lebt seit 1968 in der Schweiz. Für ihre engagierten Texte wurde sie in der Schweiz und in Deutschland mit acht Publizistik-Preisen ausgezeichnet. Mehr Informationen unter www.brezna.ch.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Freitag, 2004-11-26. Bild: Archiv. www.uebersetzerportal.de]