2004-11-29
„Ich werde nicht mehr die Unwahrheit übersetzen.“ Gebärdensprachdolmetscherin des ukrainischen Staatsfernsehens streikt
Kiew vor wenigen Tagen: Ein Sprecher verliest im Staatsfernsehen UT-1 die Nachrichten. Gebärdensprachdolmetscherin Natalja Dmitruk soll die Inhalte wie immer den Gehörlosen vermitteln. Doch diesmal regt sich ihr Gewissen. Während der Nachrichtensprecher emotionslos seinen Text mit den Ergebnissen der Präsidentschaftswahl herunterleiert, teilt Dmitruk den Gehörlosen Folgendes mit: „Die Resultate der Zentralen Wahlkommission sind gefälscht. Glaubt ihnen nicht. Unser Präsident ist [Oppositionsführer] Viktor Juschtschenko. Mir ist es sehr unangenehm, dass ich bisher die Unwahrheit übersetzt habe. Ich werde das nicht mehr länger mitmachen.“
    Auf diese Weise erfuhr die kleine Gruppe der schätzungsweise 100.000 gehörlosen Ukrainer über das zensierte Staatsfernsehen, dass das Ergebnis der Präsidentschaftswahl manipuliert wurde – ohne dass die Sendeleitung etwas davon mitbekam.
    Nach der Sendung schloss sich Dmitruk einem Journalistenstreik an, der zuvor schon bei anderen Sendern (1+1, Inter) um sich gegriffen hatte. Inzwischen befinden sich auch bei UT-1 mehr als 200 Mitarbeiter im Ausstand. Die Streikenden weigern sich, „an dem Informationskrieg teilzunehmen, den die Regierung gegen das eigene Volk führt“.
    Nach der Stichwahl für die Nachfolge des scheidenden Präsidenten Leonid Kutschma vom 21.11.2004 war es zu heftigen Massenprotesten gekommen, nachdem der amtierende Regierungschef Viktor Jukanowitsch den Wahlsieg für sich beanspruchte. Sein westlich orientierter Gegenkandidat, Oppositionsführer Viktor Juschtschenko, und unabhängige Beobachter gehen hingegen davon aus, dass die Wähler sich mehrheitlich für den Oppositionskandidaten ausgesprochen haben und die Ergebnisse von den Behörden manipuliert wurden.

[Text: Richard Schneider. Bild: Archiv, UT-1. www.uebersetzerportal.de]