2004-12-01
EU-Übersetzungsstau: Zeitplan für Basel II in Gefahr
In der Finanzmetropole Frankfurt am Main ist man sauer: Die neuen Eigenkapitalrichtlinien für europäische Banken („Basel II“) können möglicherweise nicht wie geplant Anfang 2007 in Kraft treten. Wegen Verzögerungen bei der Übersetzung kann sich das Europaparlament noch nicht mit dem Entwurf befassen, denn bisher liegt lediglich die englische Fassung vor.
    Zwar hatte die EU-Kommission im Sommer versprochen, die Texte so schnell wie möglich übersetzen zu lassen, doch habe der Übersetzungsdienst die Vorgaben nicht einhalten können, erklärt der Sprecher des Binnenmarktkommissars Charlie McCreevy. Der Dienst sei derzeit völlig überlastet. „Das ist ein Riesenproblem“, so der Sprecher. Der Berichterstatter für „Basel II“ im Parlament, der CSU-Abgeordnete Alexander Radwan, bezeichnet die Arbeit des Übersetzungsdiensts als „inakzeptabel“. 
    Carole Ory, Assistentin des Generaldirektors der Generaldirektion Übersetzung, zeigt sich überrascht über die Vorwürfe. Nach ihren Angaben dürfte es bei den Übersetzungen in die elf Sprachen der alten Mitgliedsländer zu keinen Verzögerungen kommen. Allerdings bestünden Engpässe in den Sprachen der neuen Mitglieder. In zwei Monaten sollen die deutsche, französische und italienische Fassung vorliegen. Die Übertragung in alle 20 Amtssprachen werde aber noch mindestens acht Monate in Anspruch nehmen.
    Offenbar wächst unterdessen die allgemeine Unzufriedenheit mit der Leistung des Übersetzungsdienstes. Die FAZ will aus Diplomatenkreisen erfahren haben, dass sich „Qualität und Tempo deutlich verschlechtert“ hätten. Verschärft werde die Situation durch den Versuch der EU, Mittel und Personal zu sparen.
    In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist ein ausführlicher Artikel dazu erschienen. (Externer Link. Möglicherweise nicht mehr gültig.)
 
Unser Kommentar
Immer dasselbe: Da macht die Chefetage vollmundig Versprechungen, der Übersetzungsdienst bemüht sich redlich, und wer ist Schuld, wenn der von vornherein zu knapp bemessene Zeitrahmen nicht eingehalten werden kann? Die Übersetzer. Vielleicht sollte die EU-Kommission das nächste Mal einfach realistischer planen – und vorher den Übersetzungsdienst dazu anhören.
[Text: Richard Schneider. Quelle: FAZ, 2004-12-01. Bild: Archiv. www.uebersetzerportal.de]