2005-01-10
Sprachwissenschaftler in Israel besorgt: Englisch gefährdet Hebräisch
Am erstmals begangenen „Tag der hebräischen Sprache“ warnten Sprachwissenschaftler in Israel vor dem zunehmenden Einfluss des Englischen auf das Hebräische, das von rund fünf Millionen Menschen als Primärsprache verwendet wird.
    Kritisiert wurde, dass nicht nur zahlreiche Wörter, sondern inzwischen auch syntaktische Strukturen aus dem Englischen übernommen würden, die das Hebräische verflachten. So sei eine Frage, auf die man keine Antwort finde, früher als sche'elah setumah („unklare Frage“) bezeichnet worden. Heute hingegen übersetzten die Israelis wörtlich den englischen Ausdruck open question, wie der Leiter der Akademie für hebräische Sprache an der Universität Jerusalem, Moshe Bar-Asher, beklagte.
    Die Sprachwissenschaftlerin Ronit Gadish von derselben Akademie wies darauf hin, dass es für Übersetzer besser sei, wenn jedes englische Wort eine hebräische Entsprechung habe. 
    Die Fachleute stellten fest, dass neue Fremdwörter heute praktisch ausschließlich aus dem Englischen übernommen würden – trotz der seit zehn Jahren anhaltenden Einwanderungswelle aus Russland. Nur wenige russische Ausdrücke wie nash kontrol („unter unserer Kontrolle“, durch eine Wahlwerbekampagne bekannt geworden), seien ins Hebräische übernommen worden, da das Russische im Gegensatz zum Englischen nicht als schick und modern gelte.
    Die Vorsitzende des Bildungsausschusses der Knesset, Meli Polishuk-Bloch (52), tadelte eine neue Zeitung, die sich Globes nennt. Zum Glück seien die wirklich bedeutenden Zeitungen schon vor Jahrzehnten gegründet worden und hätten deshalb hebräische Namen wie Ma'ariv („Abendgebet“), Jediot Aharonot („Letzte Nachrichten“) und Ha'aretz („Das Land“).
    Premierminister Ariel Scharon forderte seine Landsleute auf, Unternehmen keine fremdsprachigen Namen zu geben. Als Negativbeispiel erwähnte er die israelischen Kabel- und Satellitenfernsehkanäle HOT und YES. Zudem könne er nicht nachvollziehen, warum der arabisch-englische Mischbegriff yalla bye bei vielen in der Umgangssprache das „wunderschöne Wort“ schalom ersetzt habe.
    Die 1953 gegründete Akademie für hebräische Sprache (auf Englisch Hebrew Language Academy) hat in Israel eine ähnliche Funktion wie die Académie Française in Frankreich. Sie bemüht sich, hebräische Alternativen für englische Ausdrücke vorzuschlagen. 
    Manchmal ist diese Arbeit durchaus erfolgreich, wie bei mahshev  für „Computer“. Meist setzen sich die Vorschläge aber nicht durch. Beispiele dafür sind komediya matzavim (wörtliche Übersetzung von Komödie und Situation) für Sitcom oder hasa'ada, eine auf dem Ausdruck für Essen servieren basierende Neuschöpfung für Catering. Auch rishum knisa, abgeleitet von rishum („Registrierung“) und knisa („Eingang“), hat kaum Chancen gegen das englische Check-in
    Rollerblades, Joysticks und Jingles gab es zu Abrahams Zeiten noch nicht. Und so ist es nicht leicht, Wortneuschöpfungen in einer Sprache zu entwickeln, die Jahrhunderte nicht gesprochen und erst im 19. Jahrhundert durch Eliezer Ben-Yehuda, den Konrad Duden des modernen Hebräisch, wiederbelebt wurde.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Israelnetz; Jerusalem Post; Ha'aretz. Bild: Archiv, Polischuk-Bloch. www.uebersetzerportal.de]


Meli Polishuk-Bloch