2005-01-13
Wohlhabend und einflussreich: Dragomane im Osmanischen Reich
Das Osmanische Reich war im Gegensatz zur heutigen Türkei kein ethnisch weitgehend geschlossener Block, sondern ein polyglottes Multikultigebilde, zu dessen Verwaltung juristisch und diplomatisch gebildete Dolmetscher und Übersetzer, so genannte Dragomane, unentbehrlich waren.
    Diese entstammten häufig genuesischen Kaufmannsfamilien und vollführten einen Seiltanz auf der Grenze zwischen Ost und West, zwischen Islam und Christentum, wussten dies aber sehr geschickt zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen. Oft genug wurden sie eines doppelten Spiels verdächtigt. In einem zeitgenössischen Volkslied heißt es: „A Pera ci sono tre malanni: peste, fuoco e dragomanni.“ (In Pera [Stadtteil von Istanbul] gibt es drei Plagen: Pest, Feuer und Dragomane.) 
    Die Oberschicht dieser Berufsgruppe war wohlhabend und einflussreich. Ein französischer Diplomat drückte es so aus: „Der Botschafter ist bestenfalls der erste Sekretär seines ersten Dragomans.“
    Die Dragomane genossen rechtliche und steuerliche Privilegien, die sich bis zu einer Art extraterritorialem Status steigern konnten. Im Lauf der Zeit bildeten sich regelrechte Dynastien wie die der Familien Testa und Pisani heraus, die als Dragomane Schlüsselpositionen im diplomatischen Corps von einem halben Dutzend verschiedener Staaten einnahmen – über einen Zeitraum von fünf Jahrhunderten! Dabei gingen sie stets nach demselben Muster vor: Geschicktes Heiraten ins Ausland und Einschleusung der Familienmitglieder als „Sprachknaben“, Dragomananwärter und Dragomane in den politischen Machtapparat. Ein zeitgenössischer Kritiker lästerte über die Testas: „Sie beherrschen die Sprachen von fünf Völkern, besitzen aber nicht die Seele eines einzigen.“
    Frankreich und Venedig versuchten ab Mitte des 16. Jahrhunderts, Dragomane rein französischer bzw. venezianischer Herkunft auszubilden, da sie diese für vertrauenswürdiger und loyaler hielten als die oft im Ausland aufgewachsenen Sprösslinge binationaler Ehen. 
    Der Turkologe Alexander H. de Groot von der Universität Leiden hat dieses spannende Kapitel aus der Geschichte unserer Berufsgruppe in einem Aufsatz mit dem Titel „Die levantinischen Dragomane: Einheimische und Fremde im eigenen Land. Kultur- und Sprachgrenzen zwischen Ost und West (1453-1914)“ beleuchtet (PDF-Datei, 247 KB; mit linker Maustaste online lesen, mit rechter Maustaste und „Speichern unter ...“ auf Festplatte speichern.) Es handelt sich um ein nicht druckreifes Arbeitspapier (daher die vielen Tippfehler), das Prof. de Groot seinen Studenten im Internet zur Verfügung stellt. Die Dragoman-Dynastien Testa und Pisani beschreibt er eingehend im englischsprachigen Aufsatz „Dragomans' careers: Change of status in some families connected with the British and Dutch embassies at Istanbul 1785-1829“ (PDF-Datei, 307 KB). 


Ein Dragoman (Mitte) als Vermittler zwischen einem Holländer und einem Orientalen (Kupferstich von Huyberts, 1750)


Das Osmanische Reich (Karte von ca. 1580)

[Text: Richard Schneider. Quelle: de Groot.] www.uebersetzerportal.de


Osman I.