2005-01-15
„Wenn sich einer zu lang fasst, verweigere ich ihm die Übersetzung.“ Juhani Lönnroth, Übersetzungschef der EU-Kommission, greift durch
In der Welt ist heute ein Artikel von Martin Halusa erschienen, der die Arbeit des Übersetzungsdienstes der EU-Kommission beschreibt. Zwar beginnt der Text mit dem Paradoxon „Der Übersetzerdienst der EU ist der größte Dolmetscherservice der Welt“, aber danach geht es recht fundiert weiter.
    Zwei Drittel der Mitarbeiter der Generaldirektion Übersetzung arbeiten in Brüssel, ein Drittel in Luxemburg, wobei der Standort auf dem Kirchberg bei Luxemburg weiter ausgebaut wird. Chef der rund 2.000 Mitarbeiter (die Welt spricht von 2.400) ist seit November 2003 ein Finne. Dieser nennt sich im Kreise seiner Landsleute Juhani Lönnroth (59), innerhalb der EU-Bürokratie aber gerne auch Karl-Johan Lönnroth. (Herr L., bitte beenden Sie dieses Verwirrspiel! Ich habe eine halbe Stunde gebraucht, um herauszufinden, dass Juhani und Karl-Johan dieselbe Person sind.)
    Wir erfahren, dass die Lönnroth-Mitarbeiter pro Tag im Durchschnitt 5,98 Seiten übersetzen (eine Seite entspricht 1.500 Zeichen ohne Leerzeichen), und dass es zurzeit einen Rückstau von 60.000 Seiten gibt, der sich jede Woche um 3.000 Seiten verlängert. 
    Um der Überlastung entgegenzuwirken, hat Lönnroth letztes Jahr den Beamten befohlen, sich kürzer zu fassen. Statt der bisher durchschnittlich üblichen 37 Seiten müssen für Mitteilungen und erläuternde Texte 15 Seiten genügen. Lönnroth: „Wenn sich einer zu lang fasst, verweigere ich ihm die Übersetzung.“ Erst kürzlich hat er einen 80-seitigen Bericht postwendend zurückgeschickt. Die Taktik hat Erfolg: 2003 mussten noch 1,42 Mio., 2004 aber nur noch 1,27 Mio. Seiten übersetzt werden. Wegen der neuen EU-Mitgliedstaaten werden für 2005 allerdings rund 2,4 Mio. Seiten erwartet.
    Dass Kommission, Rat und Parlament jeweils einen eigenen Übersetzungsdienst unterhalten, ist nach Lönnroths Ansicht unumgänglich. Aus Gründen der Vertraulichkeit sei es nicht möglich, alle Sprachendienste der EU zusammenzufassen.
    Der Redakteur der Welt hat übrigens völlig richtig erkannt, dass die Krone der Sprachmittlung den Übersetzern gebührt – und nicht den sich oft als Elite unserer Zunft aufspielenden Konferenzdolmetschern:
Während es die Simultan-Dolmetscher im Dienste der EU oft nicht so genau nehmen müssen – statt einer wortwörtlichen Übersetzung ist wichtig, daß die Richtung stimmt –, sind für die Mitarbeiter des Finnen sprachliche Punktlandungen oberste Pflicht. „Unsere Übersetzungen müssen präzise sein“, sagt Lönnroth, „weil sie rechtlich verbindlich sind.“ Ein einziges falsches Wort könne millionenschwere Konsequenzen haben.
Den vollständigen Artikel können Sie in der Welt lesen. Die Generaldirektion Übersetzung hat vor wenigen Tagen eine sehr informative Pressemitteilung (auf Englisch) zum Stand der Dinge acht Monate nach der Osterweiterung herausgegeben. Ein Organigramm der internen Organisation des Übersetzungsdienstes einschließlich der Namen aller leitenden Mitarbeiter finden Sie hier (PDF-Datei, 59 KB, Stand: 01.01.2005).


Auf dem Kirchberg in Luxemburg arbeitet ein Drittel der Übersetzer der Generaldirektion Übersetzung, die intern nach ihrer englischen Bezeichnung „Directorate-general for Translation“ meist schlicht DGT genannt wird
[Text: Richard Schneider. Quelle: Welt, 2005-01-15. Bild: EU.] www.uebersetzerportal.de


Juhani Lönnroth