2004-01-18
„Humankapital“ ist Unwort des Jahres 2004
Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser (68) von der sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres hat in Frankfurt am Main zum 14. Mal die Unwörter des Jahres vorgestellt. Die Rangfolge:
    1. Humankapital. Begründung: Der Gebrauch dieses Wortes aus der Wirtschaftsfachsprache breite sich zunehmend auch in nichtfachlichen Bereichen aus und fördere damit die primär ökonomische Bewertung aller denkbaren Lebensbezüge, wovon auch die aktuelle Politik immer mehr beeinflusst werde. Humankapital degradiere nicht nur Arbeitskräfte in Betrieben, sondern Menschen überhaupt zu nur noch ökonomisch interessanten Größen. Bereits 1998 hatte die Jury Humankapital als Umschreibung für die Aufzucht von Kindern gerügt. Aktueller Anlass ist die Aufnahme des Begriffs in eine offizielle Erklärung der EU, die damit die „Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie das Wissen, das in Personen verkörpert ist“, definiert (August 2004).
    2. Begrüßungszentren als sprachliche Verniedlichung von Auffanglagern für afrikanische Flüchtlinge. Diese Wortbildung von Bundesinnenminister Otto Schily wurde analog zu der schon offiziellen Bezeichnung „Ausreisezentrum“ für Abschiebehaftanstalt gebildet.
    3. Luftverschmutzungsrechte sind nach Ansicht der Jury nicht nur in ökologischer Hinsicht ein Unding. Vielmehr trage das Wort auch dazu bei, Treibhausgasemissionen für unbedenklich zu halten, weil ihr Handel rechtlich geregelt wird.
    Zeitgleich mit der Verkündung des Unworts des Jahres gab die Börse Düsseldorf das „Börsen-Unwort 2004“ bekannt. Es lautet Seitwärtsbewegung, womit die Nichtveränderung der Marktsituation (vgl. Nullwachstum) sprachlich dynamisiert werde.
    Dieses Jahr hatten sich 2.162 Einsender aus Westeuropa und den USA mit 1.218 verschiedenen Vorschlägen beteiligt.
 
Die Aktion „Unwort des Jahres“ rügt seit 1991 „Wörter oder Formulierungen aus der aktuellen öffentlichen Kommunikation, welche die Erfordernisse sachlicher Angemessenheit und humanen Miteinanders besonders deutlich verfehlen“.
    Das Unwort des Jahres wurde früher von der Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gekürt, die auch das „Wort des Jahres“ auswählt. Die Unwort-Jury trennte sich jedoch wegen eines Streits um den Ausdruck „kollektiver Freizeitpark“ 1994 von der GfdS. Die vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl geprägte Wendung war 1993 zwar nicht zum Unwort gekürt, aber als sprachlicher Missgriff gerügt worden. Das Kanzleramt reagierte empört. „Allzu verständnisvolle Reaktionen“ des Vorstands der GfdS auf die Kritik aus Bonn führten dann laut Schlosser zur Trennung von der Wiesbadener Gesellschaft. Die Jury machte sich als „Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres“ selbstständig.
    Ständige Mitglieder der Jury sind ihr Sprecher Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser (Frankfurt am Main) sowie die Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Margot Heinemann (Görlitz-Zittau), Prof. Dr. Rudolf Hoberg (Darmstadt, GfdS-Vorsitzender) und Dr. Nina Janich (Regensburg). Zwei weitere Jurorensitze werden jährlich neu mit „Vertretern der öffentlichen Sprachpraxis“ besetzt. In diesem Jahr waren dies der Vizepräsident der Sächsischen Akademie der Künste, Friedrich Dieckmann, und der Schriftsteller Volker Braun vom Verlag der Autoren.

Links zum Thema
2004-01-20 „Tätervolk“ ist Unwort des Jahres 2003
2003-01-21 „Ich-AG“ ist Unwort des Jahres
2002-01-22 "Gotteskrieger" ist Unwort des Jahres
[Text: Richard Schneider. Quelle: Pressemitteilung Unwort des Jahres, 2005-01-18. Bild: Schlosser.] www.uebersetzerportal.de


Horst Dieter Schlosser