2005-01-21
Polen: Fehlerhaft übersetzte EU-Verfassung gefährdet Ratifizierung und Volksabstimmung
Die EU-Verfassung ist mangelhaft ins Polnische übersetzt worden. Dabei handelt es sich nicht nur um stilistische Feinheiten, sondern um eindeutige Fehler. So ist an einer Stelle, an der es um Abstimmungen geht, von einer „qualifizierten Mehrheit“ der Mitgliedstaaten die Rede, obwohl laut Ausgangstext eine „einfache Mehrheit“ genügt.
    Der Abgeordnete und frühere Verteidigungsminister Bronislaw Komorowski hat eine Expertengruppe mit der Korrektur der Übersetzung beauftragt. Er hält die Ratifizierung für gefährdet: „Der Sejm kann nicht über Verfassungsregelungen debattieren, die der Originalfassung widersprechen – und zwar in den wichtigsten Punkten.“
    Pawel Swieboda, Leiter der EU-Abteilung im Außenministerium, geht davon aus, dass sich die Ratifizierung nun um drei bis vier Monate verzögern wird. Dadurch kann die Volksabstimmung über die EU-Verfassung wahrscheinlich nicht wie geplant am Tag der Präsidentschaftswahl stattfinden. Man hatte beide Urnengänge bewusst zusammengelegt; nicht nur, um Kosten zu sparen, sondern vor allem, um für die Abstimmung über die EU-Verfassung eine Wahlbeteiligung von über 50 Prozent zu erreichen. Würden es weniger, wäre die ganze Abstimmung ungültig.
    Noch unbekannt ist, wer genau für die schlechte Übersetzung verantwortlich ist. „Die Übersetzung wurde durch das Generalsekretariat des Rates der Europäischen Union in Zusammenarbeit mit dem polnischen Amt des Komitees für Europäische Integration (UKIE) vorbereitet“, so Swieboda. Das Außenministerium habe die Texte mit Anmerkungen versehen, die aber nicht immer berücksichtigt worden seien.
    Die mangelhafte Übersetzung ist bereits im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht worden, was die Korrektur zusätzlich erschwert.


[Text: Richard Schneider. Quelle: Rzeczpospolita; Standard, 2005-01-19.] www.uebersetzerportal.de


Bronislaw Komorowski