2005-02-20
„Eine menschliche Institution“ – Tagesspiegel würdigt verstorbene Berlinale-Dolmetscherin Alice Braunstein
Der Berliner Tagesspiegel hat einen Nachruf auf Alice Braunstein (79) veröffentlicht, die 44 Jahre lang mit ihrem Büro den Dolmetschereinsatz für die Berlinale organisierte. Braunstein war vor einer Woche während der Filmfestspiele „plötzlich umgefallen“, wie es in der Zeitung heißt.
    Alice Braunstein wurde 1926 in Ostpreußen als Kind einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie geboren und lebte einige Jahre in Berlin, bis die Familie 1936 wegen der Nazis nach Uruguay auswanderte. So wurde Spanisch zu ihrer „A-Sprache“, wie dem aiic-Verzeichnis zu entnehmen ist (Deutsch B, Englisch C).
    1961 kam sie von Montevideo nach Berlin zurück, machte offenbar bei den richtigen Leuten mit ihren Sprachkenntnissen Eindruck und wurde „vom Fleck weg für die Filmfestspiele engagiert“. Wer fortan auf der Berlinale dolmetschen wollte, kam nicht mehr an ihr vorbei. Der Tagesspiegel schreibt:
Junge Dolmetscher riefen bei ihr an, um sich vorzustellen: Braunsteins Urteil galt etwas in der Branche, in der ein guter Ruf alles ist. Kommen Sie zu mir, dann trinken wir Tee, sagte sie. Auf ihrem Sofa begutachtete sie streng den Lebenslauf, die Arbeitszeugnisse, das Auftreten des Kandidaten. Dann riet sie, sich in Brüssel bei der EU noch etwas die Sporen zu verdienen, vermittelte einen Auftrag oder arrangierte eine „stumme Kabine“, wo der Nachwuchsdolmetscher sich unter Aufsicht eines erfahrenen Kollegen ausprobieren konnte.
Noch mit über 70 saß die zweifache Oma selbst in der Kabine. In den letzten Jahren kümmerte sie sich jedoch gemeinsam mit ihrer Tochter Claudia Flumenbaum lieber um die Einsatzplanung der Dolmetscher. Den vollständigen Nachruf können Sie im Tagesspiegel lesen.
 
Man soll ja über Verstorbene nichts Negatives sagen, aber das Übersetzerportal (dem bekanntlich nichts heilig ist) möchte doch seiner Verwunderung darüber Ausdruck verleihen, dass die zu mehr als 60 Prozent aus Steuergeldern des Bundes finanzierte Berlinale den lukrativen Großauftrag zur Bereitstellung von Dolmetschern 44 Jahre lang (offenbar ohne Ausschreibung) immer an dasselbe Dolmetscherbüro vergeben hat – und wohl auch weiter vergeben wird. Kollegen aus anderen, weniger verfilzten Metropolen, in denen so etwas undenkbar wäre, ziehen unwillkürlich die Augenbrauen hoch, wenn sie so etwas lesen. (Die Berlinale 2005 kostet rund 10,5 Millionen Euro. 4 Millionen davon muss die Berlinale selbst erwirtschaften, den Rest zahlt der Bund.)

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[Text: Richard Schneider. Quelle: Kirsten Wenzel, Tagesspiegel, 2005-02-18. Bild: Berlinale.] www.uebersetzerportal.de