2005-02-22
„Dann soll er uns doch bitte lieber mit seiner Klampfe quälen.“ – Wolf Biermann fällt bei Kritikern als Shakespeare-Übersetzer durch
Wolf Biermann (69) gibt freimütig zu, sein Englisch sei „eher lächerlich“. Trotzdem hat er 40 Sonette von Shakespeare übersetzt und vertont. Seine Leistung als Sprachmittler vermag die meisten Kritiker nicht zu überzeugen. 
    Ein Redakteur der Sächsischen Zeitung hat ein Biermann-Gastspiel in Radebeul vor „nur halb gefülltem Saal“ besucht und urteilt: 
Er ist Liedermacher, Autor, Ikone des politischen Widerstands, Analytiker und Kritiker der Gesellschaft. Er ist wortgewaltig, eigensinnig, provokant – nur eines ist er nicht: ein überzeugender Übersetzer Shakespeares.
Auch Biermann selbst vermeide den Ausdruck „literarische Übersetzung“. Vieles habe er „klug zusammengedacht“, aber die Übersetzungen seien „oft holprig und umgangssprachlich-schnoddrig“, der Inhalt „näher an der Paraphrase denn an der Übersetzung“.
    Die Berliner tageszeitung sieht dies ählich, spricht von „sensationell peinlichen Übersetzungen von Dylan- und Shakespeare-Werken“ und empfiehlt: „Dann soll er uns doch bitte lieber mit seiner Klampfe quälen.“
    Lediglich ein dem Braunschweiger Gastspiel beiwohnender Kritiker schwärmt:
Shakespeares Vierzehnzeiler kommen gut weg und gut rüber. Würzig originell sind alles in allem die Übersetzungen ins Biermann-Deutsch. [...] O ja, es steckt so viel in dieser Poesie.
Auf die Frage, warum er gerade Shakespeare übertragen habe, antwortet Biermann im DeutschlandRadio: „Alle versuchen sich – alle Könner und Stümper – an Shakespeare. Diese Sonette, die er uns hinterlassen hat, sind eben die schönsten Gedichte der Welt.“ Außerdem habe er immer schon „große Gedichte und Lieder aus anderen Sprachen ans deutsche Land gezogen“. Und im MDR erklärt Biermann: „Ob ich übersetzen kann, hängt ausschließlich davon ab, ob ich in meiner eigenen Sprache schreiben kann.“
    Das Buch ist bei Kiepenheuer & Witsch unter dem Titel „Das ist die feinste Liebeskunst. 40 Shakespeare Sonette“ erschienen. (Da fehlt ein Bindestrich! Schon deshalb können wir das Werk nicht empfehlen.) Es hat 108 Seiten und kostet 16,90 Euro. Die CD zum Buch gibt’s ab Mitte März bei Zweitausendeins.
[Text: Richard Schneider. Bild: Kiepenheuer & Witsch.] www.uebersetzerportal.de

Wolf Biermann