2005-03-13
Krank sein in der Fremde – ein Albtraum. Ashley Marc Slapp zum Community Interpreting in Deutschland
Diplom-Fachübersetzer Ashley Marc Slapp hat vor einigen Jahren während eines Auslandssemesters in Spanien am eigenen Leib erfahren müssen, was es heißt, in der Fremde krank zu sein und die Ärzte nicht zu verstehen. 
    Aus dieser Erfahrung heraus hat er die Situation des medizinisch-sozialen Dolmetschens in Deutschland untersucht und darüber ein Buch geschrieben: Community Interpreting in Deutschland – Gegenwärtige Situation und Perspektiven für die Zukunft. Slapp zu seiner Motivation:
Stellen Sie sich doch noch nur einmal das folgende Szenario vor: Sie sind im Urlaub in einem fremden Land und plötzlich werden sie krank.
    Sie müssen zum Arzt, ins Krankenhaus, im schlimmsten Falle müssen sie sogar operiert werden. Aber sie sprechen nicht die Landessprache. Die Ärzte und Schwestern sprechen aber auch kein Deutsch. Mit Englisch oder Französisch kommen sie nicht weiter, besonders in Anbetracht der vielen Fachbegriffe und medizinischen Diagnosen. 
    Dieses Szenario gleicht einem Albtraum. Man erkrankt in einem fremden Land; in einem Land mit einer anderen Kultur und man kann sich nicht ausreichend mit den Menschen, die einem helfen sollen, verständigen. Man weiß nicht einmal, was diese Helfer eigentlich mit einem machen. Warum gerade diese Untersuchung, warum wird eine Blutprobe benötigt, wieso bekomme ich gerade diese Medikamente? Die Ärzte und Schwestern reden und reden und der Patient versteht nur Bahnhof. 
    Ein Szenario wie dieses ist vielen nicht fremd oder unbekannt. Während meines Auslandssemesters in Oviedo (Spanien) vor nun mehr einigen Jahren wurde ich zum Beispiel krank. Obwohl ich damals meiner Meinung nach sehr gut Spanisch sprechen konnte, stieß ich bei meinem Arztbesuch auf erhebliche Schwierigkeiten – auf Sprachschwierigkeiten. Mein Fuß, den ich mir bereits in Deutschland verletzt hatte, fing wieder an zu schmerzen und ich entschied mit in das ambulatorio zu gehen. 
    Die erste Überraschung bestand schon darin, dass ich nicht einfach – wie in Deutschland oder meinem Heimatland Großbritannien üblich – zum Hausarzt gehen konnte. Meine spanischen Freunde sagten mir jedenfalls, dass ich ins ambulatorio gehen sollte und das habe ich getan. Das war der erste Unterschied, auf den ich nicht vorbereitet war. 
    Nach einer sehr langen Wartezeit kam endlich eine Ärztin und untersuchte mich. Ich versuchte ihr zu erklären, dass mein Fuß wehtat und schilderte ihr so gut ich konnte, was mein deutscher Hausarzt gesagt hatte. Sie fragte mich daraufhin auf Spanisch: „Haben Sie Aids?“ Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. Erst später erfuhr ich, dass diese Frage relativ normal in Spanien ist. Das wusste ich aber zum damaligen Zeitpunkt nicht und empfand die Frage als zu persönlich und privat und sagte daher zu der Ärztin: „Sie sollen nur meinen Fuß untersuchen, sonst nichts.“ Von dieser Antwort schien wiederum sie nicht begeistert gewesen zu sein. 
    Ihre nächste Frage richtete sich dann nämlich nach meiner Krankenversicherung, die natürlich zu Hause war. „Ohne Versicherungsnachweis kann ich sie nicht behandeln, auf Wiedersehen, kommen sie wieder, aber mit ihrem Ausweis“, lautete daraufhin ihr Kommentar. 
    Nach diesem „erfolgreichen“ Gespräch ging ich nach Hause und beschloss am Abend in das Hospital Central de Asturias zu gehen. Im Hospital hatte ich mehr Erfolg. Allerdings beantwortete ich die meisten Fragen (insbesondere die, die ich gar nicht verstanden hatte) schlicht und einfach mit „sí“. Daher bin ich laut dem untersuchenden Arzt zum einen zehn Jahre jünger und zum anderen auf mehrere Sachen allergisch, auf die ich in Wirklichkeit keineswegs allergisch reagiere. 
    In meinem Fall war der ärztliche Befund allerdings nicht tragisch. Bei einer ernsthaften Erkrankung oder Operation könnten die Folgen eines solch fehlerhaften Befundes jedoch äußerst dramatisch sein. Leider sprach niemand im Krankenhaus Englisch oder Deutsch und für mich war es sehr schwierig mit Schmerzen, Angst und Hemmungen meinen Zustand auf Spanisch auszudrücken. Dazu kam noch erschwerend hinzu, dass ich dem Arzt meinen Zustand im Wartezimmer erklären musste, wo circa zehn weitere Personen saßen und – wie ich annahm - zuhörten. Diese Situation war mir unangenehm, denn ich wollte keineswegs als der Ausländer, der nur ungenügend Spanisch kann, auffallen.
    Erfahrungen wie diese haben insbesondere mein Interesse am Community Interpreting geweckt. Mein Buch Community Interpreting in Deutschland – Gegenwärtige Situation und Perspektiven für die Zukunft gibt einen Überblick über das Community Interpreting, d.h. was genau kann man darunter versteht, in welchen Ländern es bereits in den sozialen Alltag integriert ist, was ein Community Interpreter alles mitbringen muss etc. 
    Neben der Theorie fand ich es allerdings auch äußerst spannend herauszufinden, wie denn die Praxis in Deutschland so aussieht. Daher finden sich neben theoretischen Darstellungen auch viele interessante Beispiele aus der Praxis – Ärzte, Krankenschwestern, Arzthelferinnen geben einen Einblick in ihren Alltag im Umgang mit nicht-deutschsprachigen Patienten. 
Ashley Marc Slapp: Community Interpreting in Deutschland. Gegenwärtige Situation und Perspektiven für die Zukunft. München: Meidenbauer, 2004. 196 Seiten, 29,90 Euro, ISBN: 3-89975-496-4.

Ashley Marc Slapp lebt in Berlin. Seine Website finden Sie unter www.tac-translation.de.

[Text: Richard Schneider. Bild: Meidenbauer Verlag.] www.uebersetzerportal.de