2005-03-22
„Das Verzeichnis von faulen Eiern befreien“ – Kanton Zürich professionalisiert Dolmetscherwesen
Die NZZ berichtet ausführlich über den Stand der Reformbemühungen im Kanton Zürich, der pro Jahr mehr als 5 Mio. Franken (3,2 Mio. Euro) Honorar an Dolmetscher und Übersetzer ausschüttet – Tendenz steigend. Anfang 2004 trat eine neue Dolmetscherverordnung in Kraft. Zusätzlich wurden jetzt folgende Regelungen erlassen:
Seit Anfang dieses Jahres muss jeder Dolmetscher, der im Verzeichnis aufgenommen werden möchte und nicht deutscher Muttersprache ist, einen Deutschtest absolvieren. Sämtliche Dolmetscher im Dienste des Staates haben ausserdem künftig einen Test in Rechtskunde und Dolmetschertechnik zu bestehen – sowohl die neuen wie auch jene, die bereits auf der Liste stehen.
Dies hat in einem Probelauf dazu geführt, dass gestandene Berufsdolmetscher durchgefallen sind, wie der 75 Mitglieder zählende Verband der Zürcher Gerichtsdolmetscher und -übersetzer (VZGDÜ) bemängelt. Die neuen, einheitlichen Tarife (70 oder 90 Franken pro Stunde [45/58 Euro]), stellten außerdem für manche eine Verschlechterung dar. 
    Das amtliche Dolmetscherverzeichnis enthält rund 950 Einträge. Die Zahl der Dolmetscher ist allerdings geringer, weil viele für mehrere Sprachen eingetragen sind. 
    Nur wenige üben die Tätigkeit hauptberuflich aus. Und so beauftragen die Gerichte und Behörden in erster Linie Personen, mit denen sie gute Erfahrungen gemacht haben. Der VZGDÜ geht davon aus, dass 10 Prozent der Personen, die auf der Liste stehen, 80 Prozent der staatlichen Aufträge übernehmen. 
    „Das Verzeichnis muss bereinigt und von ,faulen Eiern' befreit werden“, sagt Oberrichter Marti, Leiter der kantonalzürcherischen Fachgruppe für das Dolmetscher- und Übersetzungswesen, die sich letztes Jahr mit 24 Beschwerden über Dolmetscher befassen musste. Bis 2003 sei die Liste von einem Polizisten mehr oder minder nach eigenem Gutdünken verwaltet worden.
    Anlass der Neuregelung war 1999 der Fall eines Albanisch-Dolmetschers, der in einem Jahr mit Polizei- und Gerichtsaufträgen umgerechnet 223.485 Euro verdient hatte (allerdings völlig zu Recht, wie sich später herausstellte). Die Sache schlug im Kantonsrat hohe Wellen, so dass eine grundlegende Neuregelung beschlossen wurde.
    Bemerkenswert sind die Reformaktivitäten im Kanton Zürich, weil hier das Thema Dolmetschen und Übersetzen zur Chefsache erklärt und viel Zeit, Mühe und Geld in die Entwicklung einer besseren Alternative investiert wurde. Das alte, unzulängliche System wurde nicht behelfsmäßig repariert, sondern komplett zerschlagen und von Grund auf neu aufgebaut. Diesen Mut wünscht man sich sicherlich auch andernorts im deutschen Sprachraum.
    Den vollständigen Artikel können Sie in der Neuen Zürcher Zeitung lesen.

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[Text: Richard Schneider. Quelle: NZZ, 2005-03-18. Bild: Kanton Zürich.] www.uebersetzerportal.de