2005-04-03
Prof. Huhtikuutas revolutionäres Schriftsystem. EU spart 20 Millionen Euro Übersetzungskosten – Focus-Aprilscherz von 2004 immer noch online
„Ein neues Übersetzungsverfahren soll die Veröffentlichung der amtlichen Texte beschleunigen und 20 Millionen Euro jährlich einsparen“, hatte das Nachrichtenmagazin Focus am 1. April 2004 gemeldet. Möglich werde das durch ein am Chinesischen orientiertes Schriftsystem als EU-internem Informationsträger, bei dem ein Zeichen für einen Begriff (statt für einen Laut) stehe. Der Entwickler, Professor Ensymmäinen Huhtikuuta (56) von der Universität Helsinki, wurde wie folgt zitiert:
In China gibt es eine Vielzahl von Dialekten. Angehörige einer nördlichen Sprachgruppe können sich mit denen einer südlichen nicht unterhalten. Einzige Verständigungsmöglichkeit ist die gemeinsame Schrift. Das Geheimnis liegt im genialen Prinzip dieser Schrift, jedes Zeichen steht für einen Wortinhalt.
Durch die Einführung eines ähnlichen Schriftsystems könne sich die EU die Übersetzung in die einzelnen Landessprachen sparen. Der für den Übersetzungsdienst zuständige Generaldirektor Juhani Lönnroth sei „hellauf begeistert“ und habe eine einjährige Testphase angeordnet.
    Die Vita von Prof. Huhtikuuta klingt durchaus glaubhaft. So habe er 1974 an der Universität Tianjin zum Thema „Europäische Einflüsse auf Dialektentwicklungen der tibeto-birmanischen Sprachgruppe seit dem 19. Jahrhundert“ promoviert und lehre seit 1988 in Helsinki Sinologie und vergleichende Sprachwissenschaft.
    Dumm nur, dass „Ensymmäinen Huhtikuuta“ auf Finnisch wohl so etwas wie „Aprilscherz“ bedeutet und über den guten Mann keinerlei Informationen im Netz aufzutreiben sind.
    Der Focus-Artikel „EU-Etat um 20 Millionen gekürzt“ steht immer noch unverändert im Netz, obwohl heute nicht mehr erkennbar ist, dass er an einem 1. April veröffentlicht wurde. Die meisten Leser (auch die meisten Berufssprachler) dürften ihn für bare Münze nehmen. Wenn dem Treiben des Autors Harald Kuck, Ressortleiter Finanzen beim Focus, nicht bald Einhalt geboten wird, dürfte Prof. Huhtikuuta schon bald in den Fußnoten von Studentenreferaten auftauchen.
[Text: Richard Schneider. Bild: EU, Focus.] www.uebersetzerportal.de

Juhani Lönnroth


Harald Kuck