2005-04-06
„Einschneidende Änderungen“ – ADÜ Nord zur Novellierung des Hamburgischen Dolmetschergesetzes
Natascha Dalügge-Momme ist im Vorstand des ADÜ Nord (Assoziierte Dolmetscher und Übersetzer in Norddeutschland) für das Dolmetschen und Übersetzen bei Gericht, Polizei und Behörden zuständig. Für die Leser des Übersetzerportals erläutert sie die Hintergründe der Novellierung des Hamburgischen Dolmetschergesetzes:

Anfang März 2005 beschloss der Hamburger Senat im Rahmen seiner Bemühungen zur Vereinfachung des Landesrechts das seit 1986 bestehende Dolmetschergesetz und die Dolmetscherverordnung zu ändern. Die Innenbehörde der Hansestadt kam damit auch den Bestrebungen des ADÜ Nord entgegen. Nachfolgend ein paar Informationen zur Historie dieser Gesetzesnovelle.
    Die Vereidigungspraxis für Gerichtsdolmetscher und Gerichtsübersetzer ist Länderrecht und daher uneinheitlich. Bisher konnten auch langjährige Bemühungen der einschlägigen Berufsverbände hier keine Abhilfe schaffen.
    Hamburg als Stadtstaat bestellt gemäß Hamburgischem Dolmetschergesetz (HambDolmG) vereidigte Dolmetscher und Übersetzer nach einem Eignungsfeststellungsverfahren, das einem komplexen Ablauf unterliegt. Versuche, dieses durchaus anspruchsvolle, jedoch kostspielige Verfahren abzuschaffen (die Teilnahme am Eignungsfeststellungsverfahren kostet Teilnahmewillige nun 680 Euro), konnte dank des Widerstandes der Sprachmittlerverbände erfolgreich abgewendet werden.
    Im Zuge der verschiedenen Maßnahmen zur Deregulierung des Landesrechts hat die Stadt Hamburg beschlossen, das Dolmetschergesetz zu ändern, womit auch einem gesteigerten Bedarf Rechnung getragen werden sollte. „Bedarf“ ist in diesem Fall zunächst folgendermaßen zu verstehen: Während von Seiten der Behörde in den vergangenen Jahren ein Bedarf an afrikanischen und anderen Sprachen festgestellt wurde, kann dieser nun auf Sprachen der ehemaligen Sowjetunion und Sprachen der neuen EU-Mitgliedsstaaten ausgedehnt oder sogar schwerpunktmäßig verlagert werden. Kollegen hingegen möchten den Bedarf anders definiert wissen, nämlich danach, ob in der einen oder anderen Sprache tatsächlich noch zusätzliche vereidigte Dolmetscher oder Übersetzer benötigt werden. Die notwendige fachliche Eignung für Vereidigte ist in dem Gesetz schon lange verankert.
    Die Behörde für Inneres in Hamburg bat die Berufsverbände im Herbst 2004 um ihre Mitarbeit bei der Änderung des Gesetzes, einer Bitte, der der ADÜ Nord natürlich gerne nachkam.
    Die berufliche Praxis der Kollegen, die akademische wie nicht akademische Ausbildungspraxis und das Recht auf freie Berufausübung machten es nach Meinung des ADÜ Nord unumgänglich, eine getrennte Vereidigung, sowohl für Dolmetscher als auch für Übersetzer zu ermöglichen. Allerdings sollte die Vereidigung eines Kollegen zuerst als Übersetzer und dann als Dolmetscher im Gesetz verankert werden (etwa, analog zu den IHK-Prüfungen, die jedoch nicht als Ersatz für das Eignungsfeststellungsverfahren dienen können).
    Außerdem setzte sich der ADÜ Nord für die Anerkennung gleichwertiger Prüfungen ein, denn es erschien sinnlos, Kollegen, die bereits ein ähnlich anspruchsvolles Verfahren in einem anderen Bundesland bestanden hatten, nochmals dem Eignungsfeststellungsverfahren in Hamburg zu unterziehen. Dies war bisher die Praxis mit Hinweis auf das angeblich unerreicht hohe Niveau des Verfahrens. Es scheint jedoch angesichts der Prüfungsordnungen anderer Bundesländer und speziellen akademischen Ausbildungsgängen im In- und Ausland als vermessen.
    Die Behörde für Inneres beschloss ferner einen Ordnungswidrigkeiten-Katalog in das Gesetz aufzunehmen, den es bisher an dieser Stelle nicht gab (jedoch in anderen Ländergesetzen). Dies ist auf frühere Verstöße gegen die Pflichten als vereidigter Dolmetscher und Übersetzer in der Praxis zurückzuführen. Der ADÜ Nord beanstandete jedoch diesen Katalog und so blieb als einzige Ordnungswidrigkeit der Missbrauch des Dienstsiegels von nicht vereidigten Berufskollegen. Bei vereidigten Berufskollegen führen Verstöße gegen die Pflichten, wie etwa die Weigerung zur Teilnahme als Prüfer am Eignungsfeststellungsverfahren oder mehrfach fehlerhafte Übertragung, zum Verlust der Bestallung.
    Folglich sind die einschneidenden Änderungen des Gesetzes die Trennung von Dolmetschern und Übersetzern bei der Vereidigung, die Anerkennung anderer, gleichwertiger Eignungsfeststellungsverfahren oder Prüfungen und die Möglichkeit den Missbrauch von Amtssiegeln zu verfolgen. Anders, als in verschiedenen Presseberichten geschildert, soll nicht auf das Eignungsfeststellungsverfahren verzichtet werden. Es soll lediglich nicht mehr die einzige Möglichkeit bleiben in Hamburg vereidigt zu werden. In Zusammenarbeit mit den Berufsverbänden soll noch in der Dolmetscherverordnung genau definiert werden, welche Verfahren oder Prüfungen anerkannt werden können.
    Am 8. März 2005 hat der Senat der Hansestadt Hamburg bereits diesen einschneidenden Änderungen zugestimmt. Die geänderte Fassung liegt dem ADÜ Nord vor, jedoch gilt es abzuwarten, ob der Gesetzesentwurf nun auch die Zustimmung der Bürgerschaft erhält.
    Mehr Informationen zum Verband unter www.adue-nord.de.

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[Text: Natascha Dalügge-Momme, ADÜ Nord, 2005-04-06. Bild: Dalügge-Momme, ADÜ Nord, Archiv.] www.uebersetzerportal.de


N. Dalügge-Momme