2005-04-22
„Vor allem mehr Transparenz“ – babelport-Betreiber Christian Hansel im Interview
Inka-Maria Kunz hat für ihr Weblog ein Interview mit Christian Hansel geführt, dem Betreiber des vor wenigen Monaten gestarteten Portals babelport.com. Der Text erschien am 7. April 2005 in englischer Sprache im linguatransl_blog. Nachfolgend das Gespräch in deutscher Sprache, übersetzt von Korina Hansel:

Bitte nennen Sie Ihren Namen, Alter, Ort und aktuellen Beruf.
Mein Name ist Christian Viktor Hansel. Alter: 29, Ort: Leipzig. Ich arbeite hauptsächlich als selbstständiger Programmierer und als „Kommunikator“, wie ich es gern formuliere.

Wie viele Sprachen sprechen Sie?
Sprechen? Ich würde sagen 2 bis 4: Deutsch ist meine Muttersprache und ich spreche fließend Englisch. Ich kann auch etwas Dänisch und lerne momentan Französisch. Meine Russischkenntnisse sind jedoch im Laufe der Jahre verloren gegangen.

Wie und warum wurden Sie Übersetzer/Dolmetscher?
Ich arbeite nicht als Übersetzer. Allerdings habe ich kleine Softwarelokalisierungsaufträge vom Englischen ins Deutsche und umgekehrt übernommen – aber ich würde mich nie als Übersetzer bezeichnen.

Was ist der Sinn von Übersetzungen?
Da ich kein Übersetzer bin, möchte ich die Frage aus Sicht des Kunden beantworten: Eine Über-setzung sollte meiner Meinung nach die exakte Übertragung der Bedeutung und nicht des Textes sein. Und ich denke, darin unterscheidet sich ein guter Übersetzer von einem schlechten: Computer werden bald in der Lage sein, 1:1 Übertragungen zu erstellen, es bedarf jedoch eines „Gehirns“, Bedeutung in einen anderen kulturellen Kontext zu übersetzen. Ich habe einmal eine kurze Testübersetzung gelesen, die in etwa folgendermaßen lautete:
To give you an idea of this relation imagine you have a standard 1 oz letter in the packet of an avg. sized man of 150 lb.
Hierbei ist es nicht wichtig zu wissen, wie viel der Mann wiegt, denn auf das Verhältnis eines Standardbriefes (1 oz = 1/16 lb) zu dem Mann (150 lb = 2400 oz --> 1man = 2400 letters) kommt es an. Für eine Übersetzung ins Deutsche muss man wissen, dass hier ein Standardbrief nicht 1 oz (ca. 28 g), sondern nur 20 g wiegt.  Also muss der Übersetzer sicherstellen, dass das Verhältnis 1:2400 und nicht unbedingt  „ein Mann“ beibehalten wird: 2400 deutsche Standardbriefe wiegen 48 kg, was nicht dem Gewicht eines durchschnittlichen erwachsenen Mannes entspricht. Hier könnte es also hilfreich sein, Mann durch Frau zu ersetzen, wie in:
Diese Relation entspricht in etwa dem Gewicht eines Standardbriefes (20 g) und dem erlaubten Gewicht im Halbfliegengewicht der Damen im Boxen (48 kg).
Solche „Korrekturen“ machen in meinen Augen eine gute Übersetzung aus. Zwar habe ich Sprachen studiert, aber das macht mich noch lange nicht zum Übersetzer ...

Was halten Sie von der Übersetzung als Werkzeug?
Ich bin mir sicher, dass die Übersetzung mehr als nur ein Werkzeug ist. Sie ist Kommunikation: In der Kommunikation zwischen Autor und Leserschaft ist die Übersetzung oft das einzige Medium, welches Verständigung ermöglicht – vor allen in sich globalisierenden Bereichen.

Sind Sie Mitglied in Netzwerken/Verbänden? Warum? Erfahrungen?
Ich bin Mitglied von www.openbc.com und natürlich www.babelport.com.

Was ist die Philosophie von babelport.com?
Meine Frau arbeitet als Übersetzerin. Nachdem Sie Erfahrungen mit nicht beziehungsweise unfreiwillig zahlenden Übersetzungsbüros gemacht hat, haben wir uns nach all diesen Problemen gedacht, dass die vorhandenen Übersetzungsportale zwar Globalisierung unterstützen und Jobs anbieten, jedoch kaum etwas dazu beitragen, die Branche transparenter zu gestalten. Außerdem findet man dort keine regelmäßig erscheinenden Informationen. Ich hoffe, dass wir mit babelport.com ein Netzwerk für die Übersetzungsbranche schaffen können, welches mehr Informationen, mehr Hilfe und vor allem mehr Transparenz bietet. Mit Verzeichnissen, Foren, Wörterbüchern, Glossaren, Übersetzungshilfen, zweiseitigen Bewertungssystemen usw. bietet babelport.com wertvolle Werkzeuge sowohl für Übersetzer als auch für Agenturen. 

Wie funktioniert babelport.com?
babelport.com ist ein community-orientierter und von der Community getragener Internetservice, bei dem Mitglieder Informationen zur Verfügung stellen und ihre Erfahrungen teilen. Viele Übersetzer kämpfen mit den gleichen Problemen, wie zum Beispiel Preis-Dumping und Nichtzahlung seitens der Auftraggeber, und genau zu diesen Themen können sie nützliche Informationen und Tipps erhalten. Wir haben auch einen Projektbereich, in dem Agenturen und Outsourcer Projekte und Jobs für Übersetzer einstellen können, die dann wiederum die Möglichkeit haben, sich darauf zu bewerben. Da wir jedoch das Preis-Dumping und die Auftragsvergabe mit unrealistischen Terminen nicht unterstützen wollen, ist es zum Beispiel nicht möglich, Projekte mit einer Angebotsfrist von lediglich ein paar Stunden einzustellen. Momentan gibt es noch nicht sehr viele Angebote, aber ich denke, das wird sich noch ändern.

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen? Wie intensiv waren Ihre Recherchen im Vorfeld?
Wie schon erwähnt, entstand die Idee, nachdem meine Frau schlechte Erfahrungen mit nicht zahlungswilligen Auftraggebern gemacht hatte. Zu dieser Zeit suchte ich nach einem eigenen Projekt, da ich bereits einige Programmieraufträge für andere gemacht hatte. Ich hatte die Zeit und die Gelegenheit; und die Herausforderung hat mich gereizt. Meine Frau und ich haben etwa 2 bis 3 Monate mit Recherchen und Analysen verbracht. Dann habe ich das Portal 5 Monate lang geplant und umgesetzt. Aber es konnte bis jetzt noch nicht alles realisiert werden.

Wie haben Sie Ihre Vision implementiert? (Serverkapazität?)
Ich habe in einer LAMP-Umgebung (Linux Apache MySQL PHP) programmiert, und inzwischen hat das Portal natürlich seinen eigenen Server. Momentan hat der Server eine ausreichende Kapazität, sollte sich das jedoch ändern, können wir sie jederzeit erweitern.

Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, hatte babelport.com bereits 1000 Mitglieder. Erhalten Sie von Ihren Mitgliedern regelmäßig Feedback? Wenn ja, wie viel Zeit nimmt babelport pro Tag in Anspruch (Wartung, Verwaltung usw.)?
Während der ersten 3 bis 4 Wochen war das Beantworten von Feedback-E-Mails, Anfragen, Problemmeldungen usw. sowie das Beheben kleinerer Fehler eine Vollzeitaufgabe. Zusammen mit der Suche nach und dem Schreiben von Nachrichten für das Portal war das fast mehr Arbeit, als ich bewältigen konnte. Meine Frau hat hier und da ausgeholfen, und Sie schreibt noch immer den größten Teil der Nachrichten und Artikel. Heute widme ich mich wieder anderen Projekten, um Geld zu verdienen. Das heißt, obwohl ich es gern würde, kann ich nicht all meine Arbeitszeit der Verbesserung und Wartung von babelport.com widmen. Aber im Durchschnitt arbeiten meine Frau und ich täglich 3-4 Stunden für babelport.com.

Es gibt bereits einige gut laufende Portale. Was denken Sie, hebt Ihr Portal aus der Masse hervor? Haben Sie von Ihren Mitstreitern auf dem Markt (gotranslators.com, proz.com, aquarius.net, traduguide.com usw.) gehört?
Ich persönlich bewundere sowohl ProZ.com als auch Translatorscafe.com auf Grund der vielfältigen Funktionen, die diese Portale bieten – vor allem ProZ.com, das erste Portal dieser Art, welches, soweit ich weiß, bereits Mitte der 90er Jahre gegründet wurde. Während meiner Recherchen für babelport.com habe ich mich natürlich intensiv mit diesen Portalen beschäftigt. Ich habe nach Dingen gesucht, die wir besser machen können. Wenn wir über Größe und Traffic reden, so hoffe ich, dass babelport irgendwann einmal wenigstens halb so groß wie ProZ ist. Das wäre in meinen Augen schon ein Erfolg.
    Ein Thema vieler Diskussionen auf ProZ.com war zum Beispiel die Einführung von Übersetzerbewertungen, was ProZ jedoch immer abgelehnt hat. babelport.com bietet ein beidseitiges Bewertungssystem an, welches es auch Agenturen ermöglicht, Übersetzer zu bewerten. Ich denke, auch Agenturen sollten von diesen Portalen im Hinblick auf Zuverlässigkeit und Qualität profitieren. Genau das bedeutet Transparenz für mich.
    Außerdem scheint sich keins dieser Portale dafür zu interessieren, was außerhalb des Internets so vor sich geht: Deshalb versucht babelport, regelmäßig Nachrichten über die Branche, Übersetzungsprogramme usw. zu veröffentlichen. Letztendlich sind babelport.com, ProZ.com, Translatorscafe.com und all die anderen doch nur Netzwerke, so wie der Freundes-, Kollegen- und Kundenkreis eines jeden. Netzwerke funktionieren am besten, je mehr man davon hat. Daher denke ich, dass kein Freiberufler je genug davon haben kann ...

Das Bietsystem wird nicht von allen Übersetzern unter uns gemocht. Wir sehen uns schon so mit einem allgemeinen Preisverfall konfrontiert und fürchten, dass Portale wie das Ihre der allgemeinen Wahrnehmung des Übersetzerberufs (=> „Das kann doch jeder”, „Meine Sekretärin kann das besser als jeder hochqualifizierte Übersetzer“, „Auch für wenig Geld kann ich gute Qualität erwarten“ usw.) nur noch mehr schaden. Was können Sie dazu sagen?
Ich kenne diese Probleme, und auch ich bin gegen diese Nebenwirkungen der Globalisierung. Technologisch gesehen kann nur wenig getan werden, um das zu verhindern. Über babelport.com wollen wir mit Artikeln, Nachrichten und Werkzeugen sowohl Übersetzer als auch Agenturen dahingehend „erziehen”, dass sie einsehen, dass sich billige Preise nicht auszahlen: Qualität muss auch entsprechend vergütet werden und Kunden, die nach billigen Übersetzungen suchen, erhalten letztendlich qualitativ minderwertige Übersetzungen, die ein schlechtes Licht auf ihre Produkte und Dienstleistungen werfen. Es bleibt jedoch nur zu hoffen, dass sich Übersetzer nicht auf Angebote bewerben, die eine miserable Bezahlung bieten. Außerdem hoffe ich, dass das dazu führt, dass Agenturen und Direktkunden wieder faire Bezahlungen bieten. Sonst könnten sie auch kostenlose Übersetzungsseiten verwenden.
    Es ist jedoch an den Übersetzern, dieses Preis-Dumping zu verhindern, indem sie sich nicht auf solche Angebote bewerben. Die meisten Probleme mit nicht zahlenden Kunden in dieser Branche sind auf das Preis-Dumping zurückzuführen: Wenn zum Beispiel ein unerfahrener Übersetzer, der bereit ist, eine Übersetzung für 4 Cent zu liefern, von einer Agentur beauftragt wird und eine eher schlechte Übersetzung liefert, hat die Agentur dadurch wesentlich mehr Arbeit und Probleme mit diesem Auftrag als ursprünglich erwartet, und der vom Kunden festgelegte Termin kann nicht gehalten werden. Am Ende ist der Kunde unzufrieden mit der Arbeit der Agentur und bezahlt nicht. Auf diese schmerzliche Art lernt jeder in dieser Branche, dass Qualität ihren Preis hat und bei einem qualifizierten Übersetzer beginnt, der ganz einfach nicht bereit ist, billige Aufträge anzunehmen, eventuell über eine Agentur mit qualitativ hochwertigen Fähigkeiten im Projektmanagement geht und zu einem zufriedenen Kunden führt.

Wie sehen Sie die Zukunft der Übersetzungsbranche?
Ich denke, dass die Übersetzungsbranche selbst in den kommenden Jahrzehnten wachsen wird. Märkte bewegen sich ständig, und außerdem werden in allen Bereichen mehr und mehr Texte produziert, die auf Grund der Globalisierung und des Internets ein weltweites multilinguales Publikum ansprechen und auf dieses zugeschnitten werden müssen. Das wird auch weiterhin die Aufgabe von Übersetzern (oder besser „Spezialisten interkultureller Kommunikation“) sein.

Wo planen Sie in einigen Jahren zu sein?
Hoffentlich immer noch in Leipzig, meine Firma cpi-service und ein etabliertes babelport.com betreibend.

Das Weblog von Inka-Maria Kunz finden Sie unter www.linguatransl.blogspot.com, das von Christian Hansel betriebene Portal hat die Adresse www.babelport.com.

[Text: Inka-Maria Kunz, Christian Hansel. Quelle: linguatransl_blog, 2005-04-07. Bild: Hansel, Kunz.] www.uebersetzerportal.de


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