2005-05-16
Übersetzungsfehler in China mischt Devisenkurse auf
Eine Meldung in der englischsprachigen Online-Ausgabe der  chinesischen Zeitung People's Daily hat vergangene Woche für Aufregung an den Devisenmärkten gesorgt. Die Aktienkurse zogen an, die Rentenkurse sackten ab und der Dollar gab zum Yen deutlich nach. Ursache der hektischen Betriebsamkeit war die Meldung, China wolle die Landeswährung Yuan aufwerten.
    Das wäre in der Tat eine Sensation mit erheblichen Auswirkungen gewesen. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass es sich um eine Falschmeldung gehandelt hatte, die im Wesentlichen wegen einer fehlerhaften Übersetzung vom Chinesischen ins Englische zustande kam.
    
Unter der Überschrift „Ein dummer, kleiner Übersetzungsfehler – Wie eine chinesische Nachrichtenagentur vergangene Woche die Devisenmärkte in Aufruhr versetzte“ zeichnet Andrew Browne im Tagesspiegel minutiös die Ereignisse nach:
Normalerweise schreibt Guan Xiangdong über Reise- und Tourismusthemen. Doch als die Journalistin des Nachrichtendienstes „China News Service“ am vergangenen Wochenende Dienst hatte, verfasste sie einen Artikel über Devisenmärkte. Sie schrieb über die Folgen einer möglichen Aufwertung der chinesischen Währung. [...]
     Die Online-Ausgabe von People’s Daily [Sprachrohr der Kommunistischen Partei] bekam den Artikel in die Finger und ließ ihn außer Haus ins Englische übersetzen. Nach der Übersetzung las sich der Artikel ganz anders: China habe beschlossen, den Yuan im kommenden Monat um 1,26 Prozent und in den kommenden 12 Monaten um 6,03 Prozent aufzuwerten, stand da nun.
Die auf Finanznachrichten spezialisierte Agentur Bloomberg posaunte die Nachricht in die Welt. Man habe zuvor noch die chinesische Zentralbank angerufen, die eine Stellungnahme aber abgelehnt habe, so ein Bloomberg-Mitarbeiter.
     Die China-Experten der Wertpapierhäuser reagierten skeptisch, suchten im Internet nach Informationen und setzten sich direkt mit Kontaktleuten in Asien und mit den chinesischen Behörden in Verbindung. Mitarbeitern einer britischen Bank in Schanghai gelang es schließlich, den chinesischen Orginalartikel zur englischen Übersetzung aufzustöbern und das Missverständnis aufzuklären.
Wenig später kam auch ein klares Dementi von der chinesischen Zentralbank: Es gebe keine Änderung in der Wechselkurspolitik.
    Doch allein innerhalb der ersten fünf Minuten nach Herausgabe der Bloomberg-Meldung waren bereits rund zwei Milliarden US-Dollar gehandelt worden – mit den oben skizzierten Folgen.
    Der Tagesspiegel schreibt:
Für den Aufruhr und den Ärger bat People’s Daily schließlich um Entschuldigung. „Es tut uns sehr leid, dass die Übersetzung nicht korrekt war“, sagte ein Journalist, der lieber nicht mit Namen genannt werden will. „Die Schuld liegt bei uns“. Doch er rügte auch den „China News Service“: „Auch dessen Journalistin ist zu kritisieren. Sie hat zu viele vage Angaben in ihrem Artikel gemacht und damit unsere falsche Übersetzung mitverursacht.“

Seit 1994 besteht ein festes Umtauschverhältnis von 8,3 Yuan zu 1 US-Dollar. Der niedrige Yuan-Kurs sorgt für eine hohe Wettbewerbsfähigkeit und einen Exportboom chinesischer Waren. Die USA drängen China seit langem, den Yuan aufzuwerten. Sie sehen in dem auf niedrigem Niveau festgezurrten Wechselkurs einen Wettbewerbsvorteil für China und eine der Ursachen für ihr hohes Defizit in der Handelsbilanz mit China. Die chinesische Regierung hat die Forderung wiederholt zurückgewiesen, aber eine schrittweise Flexibilisierung in Aussicht gestellt.


Der 100-Yuan-Schein

[Text: Richard Schneider. Quelle: Spiegel, 2005-05-11; Welt, 2005-05-12; Tagesspiegel, 2005-05-15. Bild: Archiv.] www.uebersetzerportal.de


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