2005-05-23
„Nicht einmal ein Girokonto“ – Basel II führt bei Banken zur Ausgrenzung von Freiberuflern
Für Freiberufler und andere Selbstständige wird es zunehmend schwieriger, Kredite bei Banken zu bekommen. Dies gilt sowohl für den beruflichen als auch den privaten Bereich, etwa beim Hausbau.
Beamte und Angestellte haben es da mit ihren notfalls pfändbaren festen Einkommen als Sicherheitsleistung wesentlich leichter.
    Schon vor Monaten berichteten Übersetzerkollegen in der Mailingliste U-Forum darüber, dass ihr Antrag auf Erhöhung des Dispokredits abgelehnt oder der früher bei erfolgreichen Freiberuflern oft großzügig bemessene Dispo von der Bank ohne erkennbaren Anlass massiv gekürzt wurde. Die Welt am Sonntag zitiert Finanzfachleute:
„Es findet eine Ausgrenzung statt“, sagt Christian Schmid-Burgk, Leiter der Immobilienfinanzierung der Verbraucherzentrale Hamburg. Selbständige hätten „ganz große Schwierigkeiten zu finanzieren“. „Bei Freiberuflern“, sagt Finanzierungsexperte Arno Gottschalk von der Verbraucherzentrale Bremen, „wird's hart. Oftmals gibt es kein Angebot [für den Hausbau].“
Der zurzeit erfolgreichste Finanzdienstler im Privatkundengeschäft ist die Citibank Privatkunden AG. Eine Ursache dieses Erfolgs sieht die Welt am Sonntag darin, dass das Institut „seit Jahren einen großen Bogen um Selbständige und Freiberufler macht“. Diese bekommen, wie eine Unternehmenssprecherin freimütig zugibt, in der Regel nicht einmal ein Girokonto.
    
Hauptgrund für das Misstrauen der Banken gegenüber den Leistungsträgern unserer Gesellschaft ist „Basel II“. Hinter diesem Kürzel verbergen sich die Kreditrichtlinien der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, die 2007 in Kraft treten. Weltweit sind die Banken dadurch gezwungen, ihre Kunden vor der Kreditvergabe einer sehr genauen Bonitätsprüfung zu unterziehen. Denn für jeden vergebenen Kredit müssen die Banken Eigenkapital als Sicherheitsleistung in Basel hinterlegen. Je höher das mit der Kreditvergabe verbundene Risiko ist, desto höher fällt diese Sicherheitsleistung aus. Die Kosten werden auf den Kreditnehmer abgewälzt.
    Es gilt der Grundsatz: Wer als Kreditnehmer ein höheres Risiko darstellt, zahlt höhere Zinsen. Diese liegen bei Immobilien zum Beispiel um mehr als einen Prozentpunkt über dem Vergleichswert für Angestellte, wie die Welt am Sonntag schreibt. Bei einem Kredit von 200.000 Euro zahlt ein Freiberufler auf diese Weise in zehn Jahren 20.000 Euro mehr an Zinsen als sein angestellter Kollege.
    „Früher haben die Guten die Schlechten subventioniert – das ändert sich heute“, sagt Gerald Lüer, Leiter Corporate Finance & Portfoliomanagement bei der Commerzbank, in einem Interview mit der Zeitschrift doin' fine. „Wir haben heute eine risikoadäquate Preisgestaltung, denn unterschiedliche Risiken rechtfertigen unterschiedliche Preise.“
    Es gibt aber auch Banken, die bei Selbstständigen sehr genau differenzieren. So hat die ING-DiBa eine Positivliste mit 21 Berufsgruppen
erstellt, die sie als ähnlich kreditwürdig einstuft wie Beamte und Angestelle. Die Einträge reichen von A wie Anwalt bis Z wie Zahnarzt und umfassen auch „Dolmetscher/Übersetzer“.
    Freiberufler müssen also umdenken. Kredite zu Standardkonditionen gibt es nicht mehr. Wer sich künftig fremdes Geld leihen will, muss gegenüber der Bank finanziell die Hosen herunterlassen. Wer keine überzeugenden Geschäftszahlen vorlegen kann, wird nur zu schlechten Konditionen oder überhaupt nicht
bedient. An dieser neuen Lage wird sich auch bei anziehender Konjunktur nichts ändern. Damit ist auch klar, dass viele überhaupt keinen Kredit – nicht einmal mehr einen Dispo auf dem Girokonto – bekommen werden.
    Denn nicht wenige Übersetzer leben von der Hand in den Mund und verfügen über keinerlei finanzielle Rücklagen. Regelmäßige Liquiditätsengpässe sind die Folge. Die Zahl der Stammkunden lässt sich bei vielen, wie die aktuelle Umfrage des ADÜ Nord gezeigt hat, an einer Hand abzählen und ist damit viel zu gering. Geht auch nur ein Kunde verloren oder sind Zahlungsausfälle zu verbuchen, steht die Existenz auf dem Spiel.
    Gefährdet sind aber nicht nur kleine, unternehmerisch unbeholfen agierende Ein-Personen-Unternehmen. Auf tönernen Füßen stehen auch die meist von branchenfremden Kaufleuten oder Juristen geführten umsatzstarken, aber gewinnschwachen Umtüter der Schnell-und-schlampig-Fraktion, deren einziges Argument gegenüber dem Kunden der vermeintlich günstige Preis ist. Denn diese finanzieren ihr Wachstum häufig auf Pump.
    Und so ist damit zu rechnen, dass auch in den kommenden Jahren regelmäßig
Meldungen von teils tragischen, teils spektakulären Insolvenzen durch die einschlägigen Mailinglisten rauschen werden. „Shakeout“ oder „Marktbereinigung“ nennen das die Fachleute.


Bankenturm in Frankfurt am Main

[Text: Richard Schneider. Quelle: Welt am Sonntag, 2005-05-22; doin' fine, Juni/Juli 2005. Bild: Richard Schneider.] www.uebersetzerportal.de