2005-12-18b
Schweiz: „Aldisierung“ Wort des Jahres, „erlebnisorientierte Fans“ Unwort des Jahres, „Deutschland, wir kommen!“ Satz des Jahres 2005
Die Entscheidung ist gefallen. Aus über 2'500 Vorschlägen hat sich die siebenköpfige Jury für das Wort «Aldisierung» entschieden. Aldisierung steht als Synonym für die hohe Erwartungshaltung unserer Gesellschaft an alles Neue aus dem Ausland. Ein gesellschaftlicher Trend weg vom traditionell schweizerischen Qualitätsbewusstsein hin zum Billigpreis als einzigem Kriterium wird festgestellt. Aus der Sicht der Jury sollten dabei
sowohl die Chancen als auch die Gefahren hinterfragt werden.
    Zum Unwort des Jahres wurde «erlebnisorientierte Fans» gewählt, der Satz des Jahres lautet: «Deutschland, wir kommen!». Weitere wichtige Wörter des Jahres 2005 in der deutschsprachigen Schweiz sind Rivalitätsprinzip, Nulltoleranz, Stallpflicht, Barrage und Tsunami.

Wort des Jahres 2005: Aldisierung
Auf Platz 1 wählte die Deutschschweizer Jury das Wort «Aldisierung». Ein Wort, das sich auf Aldi, den erfolgreichsten deutschen Detailhändler der letzten 25 Jahre, bezieht. Das Unternehmen ist gerade dabei, die Schweiz mit seinem Filialnetz zu überziehen. Aldisierung steht für Chancen (tiefere Preise) als auch für Gefahren (Lohn-Dumping, weniger Auswahl, Oekologie) und ist ein Ausdruck für die anhaltende Rezession. Weil die Realeinkommen meist zurückgehen, nimmt die Preissensibilität der Käufer zu. Davon profitieren die preisaggressiven Betriebstypen des Einzelhandels.
    Das Wort Aldisierung meint aber nicht die wenigen Aldi-Filialen an sich, sondern die vorauseilende Reaktion der Schweizer Grossverteiler mit Billig-Linien und Preissenkungen, das Tendieren zum amerikanischen Shopping-Modell inklusive weite Autofahrten und nicht zuletzt die „Geiz-ist-Geil“-Mentalität. Damit verbunden der Wegfall sozialer, ökologischer und gesundheitlicher Kriterien in Ernährung und Konsum.
    Die so genannte «Aldisierung» unserer Gesellschaft hat die
öffentliche Diskussion das ganze Jahr beschäftigt. Undurchschaubare Abrechnungen von Telekommunikationsanbietern, wenig motivierte Verkäufer, inkompetentes Personal in Call-Centern, nervtötende Werbespots und hohe Preise prägen den heutigen Konsumentenalltag
und machen einfach keinen Spass. Vielmehr schaffen sie eine Konsumentenstimmung, die durch den Media-Markt-Slogan «Ich bin doch nicht blöd» pointiert zusammengefasst wird.
    Wenn der Konsument den Eindruck hat, übervorteilt zu werden, dann reagiert er im Extremfall sogar mit Konsumverweigerung (Modewort: Käuferstreik). Der Preis darf und kann nicht allein das Mass aller Dinge sein: Innovation, Unternehmergeist und Kreativität sind gefordert.

Rivalitätsprinzip
«Meh Dräck» lässt grüssen. Der Bundesrat hat sich spätestens seit den hastig getroffenen Swisscom-Entscheiden Ende November faktisch vom Kollegialitätsprinzip verabschiedet und das Rivalitätsprinzip installiert. Nicht weniger als vier Bundesräte liessen sich bei den umstrittenen Swisscom-Privatisierungsplänen dazu hinreissen, ihre Sicht in Interviews
darzulegen. Sie wurden dazu nicht etwa von den Medien „verführt“, sondern suchten die Publizität. Früher wurden Bundesratsentscheide verschleiert, um keinesfalls den Anschein von Streit zu erwecken, heute verschleiern sie die Bundesräte, um persönliche Niederlagen öffentlich als Siege erscheinen zu lassen.

Nulltoleranz
Die Premiere der international gültigen «Nulltoleranz» im Schweizer Eishockey am 25. November brachte 19 Zweiminutenstrafen und einen 4:2-Sieg Berns gegen Basel. «Nulltoleranz» ist die bedingungslose Durchsetzung des Regelbuches. Also das Ahnden von Haken, Halten und Behindern analog den Richtlinien des Internationalen Verbandes für
Olympia- und WM-Turniere. Nulltoleranz ist nicht nur ein Wort aus der Eishockey-Welt, sondern steht auch für eine neue Grundhaltung unserer Gesellschaft. Ob Nichtraucher-Züge, Flughafenkontrollen, Skibindung-/Schuhauflagen-Abstand, Leinen-/Maulkorb-Zwang, Stallpflicht für Geflügel, Tempoüberschreitung, Asylwesen oder Promillegrenze. Die Toleranz tendiert Richtung Null. Die persönliche Freiheit des einen besteht damit zunehmend in der Beschneidung der persönlichen Freiheit des anderen.

Stallpflicht
Die ersten Ausbrüche der Vogelgrippe in Europa im Oktober 2005 schreckten die Behörden und die Bevölkerung auf. Obwohl noch keine Übertragung des Virus H5N1 von Mensch zu Mensch nachgewiesen werden konnte, deckte sich die Bevölkerung sehr deftig mit dem Grippemittel Tamiflu ein. Wegen der Nord-Süd-Vogelzüge galt vom 25. Oktober bis 15. Dezember in der Schweiz auch eine staatlich verordnete Stallpflicht für Geflügel. Im Rahmen des Geflügelpestmonitorings wurden rund 800 Geflügelproben in der Schweiz durchgeführt. Dabei konnte kein Fall von Geflügelpest nachgewiesen werden.

Barrage
Ein altes Wort neu erlernt. Die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft erreichte im letzten Gruppenspiel der WM-Qualifikation in Dublin gegen Irland nur ein 0:0. Damit wurde das Schweizer Team Gruppenzweiter und durfte am 12.11. und 16.11.2005 gegen die Türkei zwei zusätzliche Entscheidungsspiele absolvieren, um sich für die WM zu qualifizieren. Diese Entscheidungsspiele werden im FIFA-Jargon „Barrage“ genannt. Das französische „Barrage“ wird auf Deutsch mit den Worten „Staudamm“ und „Talsperre“ übersetzt. In der Schweiz werden die Auf-/Abstiegsspiele zwischen dem 9. der höchsten Liga und dem 2. der zweithöchsten Liga ebenfalls Barrage genannt.

Tsunami
Im Sunda-Bogen hat ein Seebeben am 26. Dezember 2004 einen Tsunami (jap. für Hafenwelle) ausgelöst, der weite Teile Südostasiens verwüstete. Die meterhohen Flutwellen kosteten das Leben von 227 000 Menschen. Ein erheblicher Teil der Opfer der Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean hätte vermieden werden können, wenn ein Tsunami-
Frühwarnsystem, wie es seit 1965 im Pazifik installiert ist, existiert hätte. Von 112 Opfern mit Schweizer Wohnsitz gelten elf immer noch als verschollen. In der Schweiz hat die Glückskette bis Mitte Dezember 2005 rund 226 Mio. Franken an Spenden für Opfer des Seebebens in Südostasien erhalten – die höchste Summe, die je erzielt worden ist.

Unwort des Jahres 2005: Erlebnisorientierte Fans
Ein treffendes Wort erhellt einen Sachverhalt, erzählt eine ganze Geschichte, es entlarvt. Ein Unwort tut das Gegenteil: Es verdreht, verschleiert, verdunkelt. Und: Es beschönigt. Die «erlebnisorientierten Fans», seit diesem Jahr im Gebrauch der Schweizer Polizei, zumal der
Zürcher Stadtpolizei und deren Sprecher Marco Cortesi. Die Jury stuft «erlebnisorientierte Fans» als ungenau und verwirrend ein. Auf Nachfrage erklärt die Zürcher Polizei, «erlebnisorientierte Fans» seien gewaltbereit oder gewalttätig, sie seien Chaoten, suchten die Konfrontation mit der Polizei, seien aber keine Hooligans, denn die gingen gegenseitig
aufeinander los.
    Woher soll der TV-Zuschauer, die Leserin nun aber wissen, was genau gemeint ist, wenn der Stadtpolizeisprecher von «erlebnisorientierten Fans» redet? Ist es der ehrbare Versuch, harmlose Mitläufer zu entkriminalisieren – oder, im Gegenteil ein Schönreden gewalttätiger Stadionrandalierer? «Erlebnisorientierte Fans» verschleiert einen Sachverhalt, statt Klarheit zu schaffen.
    Die Wortschöpfung erweckt den Eindruck, die Zürcher Polizei verwende sie aus schlechtem Gewissen über ihre Überreaktion vom Dezember 2004; damals wurden am Zürcher Bahnhof Altstetten aus einem Extrazug aus Basel rund 600 Personen angehalten und 427 davon verhaftet.

Satz des Jahres: Deutschland, wir kommen!
Nach dem dramatischen Spiel der Schweiz gegen die Türkei und der Qualifikation für die Fussball-WM 2006 in Deutschland war die Stimmung nicht nur bei den Fans, sondern auch in der Schweizer Presse euphorisch. «Deutschland, wir kommen!», lautet der Tenor am 17. November 2005 in praktisch allen deutschsprachigen Zeitungen des Landes.

Das Wort des Jahres muss

1. in diesem Jahr
2. in der Schweiz
2. wichtig
3. häufig
4. von besonderer Bedeutung und
5. von sprachlicher Qualität sein

Dabei spielt es keine Rolle, ob das Wort einen neutralen, positiven oder negativen Inhalt ausdrückt.
    Beim Unwort des Jahres sind sprachliche Missgriffe zu nennen, die im jeweiligen Jahr besonders negativ aufgefallen sind. Gesucht werden Wörter und Formulierungen aus der öffentlichen Sprache, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen. Die Vorschläge können aus allen Bereichen der öffentlichen Kommunikation stammen, aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Technik, Wissenschaft, Kulturinstitutionen oder Medien, und sollen in jedem Fall eine Quellenangabe enthalten
.

Mehr Informationen unter www.chwort.ch.


Die Jury. V.l.n.r.: Emil Egger (Publizist), Dr. Paul Schneeberger (NZZ),
Günther Meier (Publizist), Bettina Walch (DRS 3), Bänz Friedli (Journalist), Daniel Quaderer (Verlagsleiter), Umberto Ferrari (St. Galler Tagblatt)

[Text: Büro „Wort des Jahres“. Quelle: Medienmitteilung Büro „Wort des Jahres“, 2005-12-14. Bild: Büro „Wort des Jahres“.] www.uebersetzerportal.de